Von Home-Office und Selbstoptimierung

Wer aktuell im Home-Office ist, hat es mitunter nicht leicht. “Halt!“ werden jetzt viele schreien, „ihr sitzt ja nur zuhause während in den systemrelevanten Berufen andere alles geben“. Das stimmt, aber Leid kann man nicht abzählen und sollte man, wo nicht unbedingt notwendig, auch nicht gegeneinander abwiegen. Das soll alles, was aktuell geleistet wird, kein bisschen schmälern. Aber allgemein gilt: Was für den einen Leid bedeutet, kann für den anderen Freud sein, und vice versa. Nur, weil wir uns nicht vorstellen können, was „daran“ so schlimm sein soll, heißt das nicht, dass es nicht für jemanden schlimm sein darf. Und das gilt auch außerhalb von Corona.

Zurück zum Home-Office. Diejenigen, die aktuell von Zuhause arbeiten, haben nämlich mitunter vermutlich die gleichen Gedanken. Man sollte nicht unterschätzen, wie streng Menschen vor allem zu sich selbst sein können. Das schlechte Gewissen, gerade nichts „Systemrelevantes“ beitragen zu können, vielleicht die Kolleg*innen „im Stich zu lassen“, weil man gerade nicht arbeiten kann, auch das kann belastend sein. Zumal geraten viele Menschen in eine Art „Überkompensation“. Jetzt, wo man „Zeit“ hat, könnte man doch wunderbar alles erledigen, was man sonst nicht schafft. Wenn Chef*innen und Kolleg*innen freudig erzählen, dies sei jetzt die Zeit, endlich den Förderantrag abzuschicken, endlich die drei Paper zu finalisieren, dass endlich die Zeit ist, den Online-Kurs zu machen und Programmiersprachen zu lernen – dann ist auch der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns leicht selbst überfordern. Die aktuelle Situation – eine globale Pandemie – ist keine normale Situation und bietet auch keine normale Leistungsfähigkeit. Ob familiäre Verpflichtungen, persönliche Sorgen und Ängste, das Fehlen eines vernünftigen Arbeitsplatzes oder auch einfach das Fehlen gewohnter Strukturen: all das beeinträchtigt uns aktuell. Zumal neigen Menschen im Home-Office und mit flexiblen Arbeitszeiten häufig dazu, mehr zu arbeiten als sie es in einem klassischen „9 to 5“ Job tun würden. Privatleben und Arbeitsleben verschwimmen aktuell und ja, das ist anstrengend. Auch, wenn man gerade nicht im Krankenhaus ist, auch, wenn man keine Familie zu betreuen hat, auch wenn eigentlich „alles gut“ ist, darf das anstrengend sein. Und das Gefühl, sich nicht beklagen zu dürfen, weil man nicht an der so genannten „Frontlinie“ steht, macht es noch schlimmer.

Daher soll dies ein Plädoyer dafür werden, auch im Home-Office gut auf sich Acht zu geben. Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl spielen hier eine wichtige Rolle. Mit Sicherheit sind gerade alle in Gedanken bei ihren Kolleg*innen in der Klinik, in der Praxis, im Rettungsdienst. Wir vergessen diese wichtigen Menschen nicht. Und trotzdem ist auch jede*r Einzelne, der*die gerade zuhause ist, wichtig. So wichtig, dass wir uns Auszeiten nehmen dürfen, nachsichtig mit uns sein dürfen, wenn wir nicht das geschafft haben, was wir uns vorgenommen haben und stolz sein dürfen, wenn wir achtsam mit unseren Ressourcen umgegangen sind. Aber nur, weil wir jetzt von zuhause arbeiten können, sind wir nicht zu Maschinen geworden. Diese Zeiten sind anstrengend genug, machen wir es uns nicht noch schwerer, als es ist. Manchmal erfordert es sicher mehr Überwindung, sich mit einem Tee in Ruhe hinzusetzen, als die Diskussion vom Paper zu schreiben. Auch wenn das für manche schwer zu glauben sein mag.


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Die Autorin möchte anonym bleiben und ist der Redaktion bekannt.

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