Von Fülle und Leere

Ich komme nach Hause und bin allein. Seit langem mal wieder. Mein Tag war voll, doch ich fühle mich leer. Mit einem Mal fällt all die Anspannung von mir ab und ich habe Zeit, darüber nachzudenken, wann ich das letzte Mal etwas für mich getan habe. Ich spüre die Erschöpfung mit voller Wucht. Als hätte ich heute alle meine Energie, als hätte ich die ganze Woche, den ganzen Monat all meine Energie den Patienten gegeben und nichts für mich übrig gehabt. Mir nichts für mich aufgehoben.

Und all die Zeit war ich so beschäftigt, dass ich es nicht einmal gemerkt habe. Bis jetzt. Und jetzt bin ich allein und laufe für einen Moment nicht mehr in dem Rad, das sich immer weiter dreht. Patient entlassen, Patient aufgenommen, Patient entlassen, Patient aufgenommen. Und wieder von vorn. Wie eine Maschine, Tag für Tag. Arbeiten mit schwer kranken Menschen, versuchen, auch etwas Menschlichkeit zu geben. Aber auch nicht zu langsam sein, denn dann kommt jemand anders zu kurz, ein anderer Mensch, der nächste Patient.

Warum schaffen wir es nicht, auf uns selber so gut zu achten, wie wir es bei unseren Patienten versuchen? Und warum merken wir das erst, wenn wir einmal nach Hause kommen und allein sind und es zu spät ist, weil wir uns leer und erschöpft fühlen und uns mit einem mal fragen, was der Sinn davon ist. Was vom Leben noch übrig bleibt. Übrig für mich, für meinen Partner, meine Familie, für meine Freunde.

Irgendwas in mir gib mir einen Ruck und ich gehe eine Runde laufen. Spüre mich, spüre meinen Körper. Atme die frische Luft. Ich fühle mich etwas besser, etwas lebendiger und schwöre mir, wie jedes mal, mir Zukunft mehr Zeit führ mich zu nehmen. In der Fülle des Arbeitsalltags dafür zu sorgen, dass am Ende des Tages nicht nur Leere übrig bleibt. Aber ich weiß auch, wie schwer das ist. Denn Fülle und Leere liegen am Ende gar nicht soweit auseinander, wie man denkt.

Die Blogeinträge spiegeln die persönlichen Meinungen und Erfahrungen der Autor*innen wider.

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Die Autorin ist der Redaktion bekannt.

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