Über Stigma und Schuld

Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, welches Stigma auf mir als Gesundheitsberuflerin mit psychischer Erkrankung lastet, fühle ich Schuld. Schuld, doch eigentlich nicht besser zu sein, ich, die um ihrer Karriere willen die Erkrankung geheim hält, so tut, als sei nichts, als sei alles normal. So tut, als würde ich nicht vor jedem Nachtdienst Angst haben, dass dies meinen Biorhythmus so durcheinander bringen, dass viele schlechte Tage folgen, als würde ich nicht ständig fürchten, die Überstunden würden mir alle Kraft rauben, als würde es mich nicht tief berühren, wenn Kolleg*innen über die Patient*innen sprechen, die bestimmt „nur“ psychosomatische Beschwerden haben, sich alles nur einbilden, die so nervig seien mit ihrer Angststörung, die zu ihnen dazu gehört aber augenscheinlich nichts zu suchen hat hier auf der nephrologischen/hämatologischen/neurologischen/gynäkologischen Normalstation. Die so tut, als würde sie nicht einen großen Teil ihrer Energie mit Sorgen verschwenden, Sorgen über das Jetzt, über die Zukunft, über die Vergangenheit, über die Arbeit, Familie, Freunde, über Geld und Pläne und vertane Chancen. Die alles so aussehen lässt, als sei es leicht, bloß nicht auffallen, vor allem aus der Angst, keine wichtigen Aufgaben mehr zu bekommen, nicht mehr als zuverlässig zu gelten, nichts mehr zugetraut zu bekommen. Und wenn ich mich dann ärgere darüber, dass ich vor all dem Angst haben muss, dass das System ist, wie es ist, und es mir der einzige Weg scheint, damit umzugehen, dann kommt auch die Schuld. Denn am Ende bin es ja auch ich selbst, die das System aufrechterhält. Die nicht aufbegehrt. Die sich so sehr ein Vorbild wünscht und sich selbst nicht zutraut, eins zu sein.

Was ist eigentlich Stigma?

Der Begriff des Stigmas ist nicht immer klar definiert und variiert von einer relativ simplen Zuschreibung von einem „Merkmal, das zutiefst diskreditierend ist“, bis zu einem komplexeren, mehrschrittigen Prozess1: Am Beginn steht das Erkennen und Bezeichnen von Unterschieden, dann werden diese Unterschiede mit negativen Attributen in Verbindung gebracht, dem folgt die Abgrenzung von „uns“ und „ihnen“, die schlussendlich in Statusverlust und Diskriminierung endet. Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen führt nachgewiesener Weise unter anderem dazu, dass sich Betroffene keine oder erst spät Hilfe suchen und ist mit höheren Suizidraten assoziiert2–4.

Der Duden beschreibt Stigma als „etwas, wodurch etwas oder jemand deutlich sichtbar in einer bestimmten, meist negativen Weise gekennzeichnet ist und sich dadurch von anderem unterscheidet“5 und fasst es damit gut zusammen. Auch hier finden wir also die Abgrenzung und die negativen Attribute wieder. Und genau das ist es, was das sich Öffnen so schwer macht, dieser schier unüberwindbare Graben, der sich auftun kann, wenn man erst einmal zu „denen“ gehört. Und allein dieser Gedanke betrübt mich, denn „diese“ gibt es ja gar nicht. Es gibt kein „wir“ und „sie“, kein „normal“ und „verrückt“, kein „gesund“ und „krank“. Das alles ist Schwarz-Weiß-Denken, was wir uns zu eigen gemacht haben. Vielmehr gehen wir heute davon aus, dass psychische Gesund- und Krankheit sich auf einem Kontinuum befindet, dass es keine klare Grenze zwischen „gesund“ und „krank“ und daher auch nicht das „wir“ und „sie“ gibt. Der Kontinuumsgedanke verringert übrigens nachweislich das Stigma gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen6. Und doch kenne ich – neben mir selbst – viele, die nicht zu „ihnen“ gezählt werden wollen, aus Furcht vor negativen Konsequenzen. Obwohl wir uns auf dem Kontinuum eben dort befinden, wo wir uns befinden, und das auch nicht immer beeinflussen können – schon gar nicht dadurch, wo wir gern sein wollen – gibt es die scharfe Grenze, den tiefen Graben noch. In unseren Köpfen, in unserer Gesellschaft, und ironischerweise besonders im Gesundheitswesen.
An dieser Stelle sei der Vollständigkeit halber noch angemerkt, dass es nicht nur Fremd-, sondern auch Selbst-Stigma7 gibt. Das sind die negativen Attribute, die wir uns selbst zuschreiben. Und vielleicht sind einige der Dinge, von denen wir denken, dass andere sie über uns denken, in Wahrheit auch unsere eigenen Urteile über uns selbst?


Was ist Schuld?

Schuld gehört zu den so genannten komplexen Emotionen8. Im Gegensatz zu den primären Emotionen9 (Freude, Interesse, Überraschung, Furcht, Ärger, Trauer und Ekel), die von Geburt an vorhanden sind, sind die komplexen oder auch sekundären Emotionen solche, die sich erst im Laufe der Kindheit entwickeln und aus den Interaktionen mit unserer Umwelt und der dort herrschenden sozialen Normen ergeben. Schuld ist gewissermaßen also ein soziales Konstrukt,  eine „Kategorie der Selbst- oder Fremdbewertung menschlichen Handelns“10, wobei hierbei nicht nur die Tat, sondern auch das Unterlassen als Handeln gewertet wird10.
Wieder einmal bemühe ich den Duden, der mir Folgendes vorlegt: Schuld sei „Ursache von etwas Unangenehmem, Bösem oder eines Unglücks, das Verantwortlichsein, die Verantwortung dafür“ oder auch „bestimmtes Verhalten, bestimmte Tat, womit jemand gegen Werte, Normen verstößt“11. Und das kann ich nachvollziehen, denn auch wenn ich nicht die Verantwortung für das Stigma trage, das auf Menschen mit psychischer Erkrankung lastet, so bin ich doch dennoch verantwortlich für dessen Aufrechterhaltung –  zumindest aber verstoße ich gegen meine eigenen Werte, indem ich mich auf der einen Seite des Grabens verstecke. Um mich zu schützen und weil ich mich nicht stark genug fühle, den Graben zuzuschütten, die Grenzen abzureißen. Ich habe zu viel Angst, in diesem Kampf unterzugehen.


Gibt es wirklich keine Vorbilder?

Nach der Schwarzmalerei ein Lichtblick: doch, es gibt Vorbilder und tolle Initiativen, die sich dem Thema widmen und versuchen, das Stigma abzubauen. Dazu gehört Blaupause in Deutschland für alle Gesundheitsberufler*innen, aber auch die Selbst betroffenen Profis der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen e.V., von denen einige Mitglieder auch offen über ihre eigene Betroffenheit sprechen. Dazu gehört zum Beispiel Dr. Astrid Freisen, die als Psychiaterin arbeitet und ihre Krankheit nicht geheim hält. Es gibt das Projekt in2gr8mentalhealth von Dr. Natalie Kemp in Großbritannien, das sich vor allem an Psycholog*innen richtet und es gibt die Initiative Honest, Open, Proud um Dr. Patrick Corrigan, der als Betroffener selbst ein bekannter US-amerikanischer Stigmaforscher ist. Das gibt Mut.

Ich habe mich entschieden, diesen Artikel anonym zu posten. Für heute hat das Stigma wieder einmal gesiegt. Und so lange ich es nicht schaffe, als Einzelne einen Unterschied zu machen, muss es tolle Menschen und Initiativen wie die gerade genannten geben, die das Stigma in der Gesellschaft und in uns selbst abbauen.
Bis der Graben irgendwann nicht mehr so tief ist und wir uns trauen, zu springen.

Die Blogeinträge spiegeln die persönlichen Meinungen und Erfahrungen der Autor*innen wider.

Die Autorin möchte anonym bleiben und ist der Redaktion bekannt.


Literatur

1.        Link, B. G. & Phelan, J. C. Conceptualizing Stigma. Annu. Rev. Sociol 27, 363–85 (2001).
2.        Clement, S. … Thornicroft, G. What is the impact of mental health-related stigma on help-seeking? A systematic review of quantitative and qualitative studies. Psychol. Med. 45, 11–27 (2015).
3.        Oexle, N. … Rüsch, N. Mental illness stigma, secrecy and suicidal ideation. Epidemiol. Psychiatr. Sci. 26, 53–60 (2017).
4.        Schomerus, G. … Thornicroft, G. Collective levels of stigma and national suicide rates in 25 European countries. Epidemiol. Psychiatr. Sci. 24, 166–171 (2015).
5.        ‘Stigma’ auf Duden online. https://www.duden.de/rechtschreibung/Stigma.
6.        Schomerus, G. … Angermeyer, M. C. Continuum beliefs and stigmatizing attitudes towards persons with schizophrenia, depression and alcohol dependence. Psychiatry Res. 209, 665–669 (2013).
7.        Corrigan, P. W. … Barr, L. The Self-Stigma of Mental Illness: Implications for Self-Esteem and Self-Efficiancy. J. Soc. Clin. Psychol. 25, 875–884 (2006).
8.        Dorsch – Lexikon der Psychologie. Emotionen, sekundäre – Dorsch Lexikon der Psychologie – Verlag Hans Huber. https://portal.hogrefe.com/dorsch/emotionen-sekundaere/ (2020).
9.        Dorsch – Lexikon der Psychologie. Emotionen, primäre – Dorsch Lexikon der Psychologie – Verlag Hans Huber. https://portal.hogrefe.com/dorsch/emotionen-primaere/ (2020).
10.      Brockhaus Enzyklopädie Online. Schuld (Philosophie). https://brockhaus.de/ecs/permalink/99BBAED3544CAD59FF1830362C210FBE.pdf.
11.      ‘Schuld’ auf Duden online. https://www.duden.de/rechtschreibung/Schuld.

2 Gedanken zu „Über Stigma und Schuld

  1. Tanja Antworten

    Danke für diesen Beitrag! Als Expertin aus Erfahrung habe ich meine Bachelorthesis über Stigma & Stereotype geschrieben. Für mich persönlich ist das jeden Tag ein wichtiger Teil in meiner Arbeit und im Umgang mit meinen Klienten. Meine Kollegen wissen nichts von meiner eigenen Erkrankung und mir stellen sich regelmäßig die Nackenhaare auf wenn ich sie reden höre. Aber die Angst ist dann doch zu groß.

  2. Pingback: Von Ehrgeiz und Selbstfürsorge – Blaupause Gesundheit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.