Journal Club: „Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand junger Ärzte und professionell Pflegender in deutschen Krankenhäusern“

Ein Beitrag von Katharina Eyme.


Die Arbeitsbedingungen in deutschen Kliniken und die daraus resultierenden Belastungen für Arbeitnehmer*innen werden zunehmend auch öffentlich diskutiert. So berichteten kürzlich Medien wie die Tagesschau, der NDR und der Bayrische Rundfunk über die Gefahren der Arbeitsbelastung bei jungen Ärzt*innen und die Überlastung von Klinikärzt*innen1–3.  Aufhänger dafür war unter anderem eine Onlinebefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund4

Die im Januar 2020 veröffentlichte Studie mit dem Titel „Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand junger Ärzte und professionell Pflegender in deutschen Krankenhäusern“5 erläutert die Ergebnisse einer Befragung junger Gesundheitsberufler*innen, die in der stationären Krankenversorgung tätig sind. Diese war unter der Schirmherrschaft der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) durchgeführt worden und widmete sich den Belastungen, denen junge Arbeitnehmer*innen im Gesundheitswesen aktuell ausgesetzt sind, inwiefern diese den Gesundheitszustand beeinflussen und wo die Befragten Verbesserungen für besonders wirksam hielten. Zum Gesundheitszustand wurden explizit auch psychische Gefährdungen gezählt. 

Als Belastungsfaktoren wurden unter anderem eine hohe Wochenarbeitszeit, Wochenenddienste, Aggression (verbal und körperlich) durch Patient*innen und Gratifikationskrisen identifiziert, wobei sich die prozentualen Anteile zwischen den Arbeitsgruppen mitunter sehr unterscheiden. So haben Ärzt*innen beispielsweise sehr viel häufiger eine sehr hohe Wochenarbeitszeit, während Beschäftigte in der Pflege häufiger Wochenenddienste absolvieren und Aggressionen von Patienten erleben müssen. Beide Berufsgruppen gaben an, wegen des beruflichen Stresses bereits Medikamente eingenommen zu haben. Das Burn-out-Risiko lag bei beiden Berufsgruppen über 50%. Bemerkenswert ist eine Diskrepanz bei der interprofessionellen Zusammenarbeit, die Pflegende häufiger als Ärzt*innen als gering und somit belastend angaben. 

Eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen war statistisch mit einem besseren Gesundheitszustand und einem geringeren Burnout-Risiko assoziiert. Andere protektive Faktoren waren Anerkennung, Arbeitsplatzsicherheit und Karrieremobilität. Eine negative Korrelation mit dem Gesundheitszustand bzw. Burn-out-Risiko zeigten Wochenendarbeit, hohe Arbeitszeiten, Leistung („Effort“), Overcommitment (dt: „übermäßiges Engagement“), Medikamenteneinnahme[a] und das Erleben körperlicher Aggression durch Patienten.

Einen negativen Einfluss auf die subjektive Versorgungsqualität empfanden unter den Teilnehmenden der Studie besonders diejenigen, die mangelnde Gratifikation, eine geringe interprofessionelle Zusammenarbeit und das häufige Erleben verbaler Aggression beklagten. 

Verbesserungsbedarf wurde von ärztlicher Seite aus insbesondere bezüglich des Dokumentationsaufwandes, der Weiterbildungsmöglichkeiten und der Arbeitsverdichtung gesehen. Pflegenden war vor allem eine den Leistungen entsprechende Bezahlung, ein gesetzlich verankerter Personalschlüssel und, genau wie den ärztlichen Kolleg*innen, ein Entgegenwirken der zunehmenden Arbeitsverdichtung wichtig. 

Als Limitation ist erwähnenswert, dass es sich zwar um eine bundesweite Datenerhebung handelte, die anonymisiert über die Mitgliederdatenbanken von Berufsverbänden und Fachgesellschaften[b] erfolgte. Der Rücklauf betrug jedoch nur 13%. Die Ergebnisse der Studie könnten aufgrund eines Selektionsbias entsprechend gefärbt sein. Außerdem lag die berufsspezifische Responserate bei Ärzt*innen knapp unter 20%, bei Pflegekräften sogar unter 10%. Im Endergebnis waren circa 80% der Befragten Ärzt*innen, sodass die Ergebnisse der Studie eher eine Subgruppe der Ärzteschaft abbilden und weniger repräsentative Aussagen zulassen. Schließlich lässt sich, wie bei jeder Querschnittsstudie, keine Aussage über Ursache und Wirkung treffen. 

Insgesamt handelt es sich um eine interessante Erhebung, die fundamentale Probleme aufgreift, die aktuell das Gesundheitswesen in Deutschland betreffen. Zusammenfassend zeigt sich, dass junge Arbeitnehmer*innen unter den aktuellen Arbeitsbedingungen leiden und dies sowohl mit ihrer eigenen Gesundheit als auch mit (mindestens subjektiven) Einbußen der Qualität der geleisteten medizinischen Versorgung bezahlen. Wenngleich viele der Erkenntnisse nicht überraschend sein mögen, so unterstreicht die Studie doch mit Zahlen das, was viele Betroffene schon heute beklagen. Eine Ausweitung von Befragungen auf andere Alters- und Berufsgruppen im Gesundheitswesen in künftigen Studien wäre wünschenswert. 


[a] Medikamenteneinnahme war sowohl mit einem schlechteren Gesundheitszustand als auch mit dem Burn-out-Risiko assoziiert. An dieser Stelle sollte man differenzieren, dass die Medikamenteneinnahme möglicherweise nicht Ursache für sondern Folge eines schlechten Gesundheitszustandes ist (beispielsweise Antidepressivaeinnahme bei Depression). Im Zusammenhang mit dem Burn-out-Risiko könnte die Medikamenteneinnahme wiederum möglicherweise  auch im Sinne eines Aufputschens oder zum Durchhalten (Arbeiten trotz physischer oder psychischer Leiden wie Schmerzen oder Erschöpfung) gewertet werden. Generell kann bei Querschnittstudien keine Aussage über Ursache und Wirkung, sondern nur über Assoziationen getroffen werden. 

[b] Marburger Bund, Hartmannbund, Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, Berufsverband Deutscher Internisten, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe

Literatur:

1.        NDR. Burn-out-Gefahr: Assistenzärzte am Limit. (2019). URL: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Burn-out-Gefahr-Assistenzaerzte-am-Limit,assistenzaerzte100.html (zuletzt abgerufen am 29.02.2020)
2.        Tagesschau. Umfrage unter Klinikärzten: Überlastung, Schlafstörung, Bürokratie. (2020). URL: https://www.tagesschau.de/inland/klinikaerzte-umfrage-ueberlastung-101.html (zuletzt abgerufen am 29.02.2020)
3.        Bayrischer Rundfunk. Aufschrei junger Ärzte: Zu hohe Belastung in Kliniken. (2020). URL: https://www.br.de/nachrichten/bayern/aufschrei-junger-aerzte-zu-hohe-arbeitsbelastung-in-kliniken,RnpVvng (zuletzt abgerufen am 29.02.2020)
4.        Marburger Bund. MB Monitor 2019. (2019). URL: https://www.marburger-bund.de/mb-monitor-2019(zuletzt abgerufen am 29.02.2020)
5.        Raspe, M. et al. Working conditions and health status of young physicians and nurses in German hospitals. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforsch. – Gesundheitsschutz 63, 113–121 (2020).

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