Suture Work Collective: New Work Philosophie in der Medizin?

Ein Meinungsbeitrag von Caroline Plett und Meike Hofer.

Im vorliegenden Beitrag stellen Caroline und Meike ihre Überlegungen zur New Work Philosophie in der Medizin vor und präsentieren, wie sie versuchen, diese in ihrem Projekt umzusetzen.

Vorstellung des Projekts

Caroline und Meike sind die Initiatoren des Suture Work Collective – ein gemeinnütziges Projekt, welches sich für eine gerechte und nachhaltige medizinische Arbeitswelt einsetzt.

Pflegenotstand, verschenkte Potentiale bei der Umsetzung der Digitalisierung, mangelhafte Fehler- und Feedbackkultur und gehäufte psychische Erkrankungen von Klinikangestellten – das sind nur einige Defizite unseres grundsätzlich soliden Gesundheitssystems. Aber: Zahlreiche Problemfelder bieten auch viel Entwicklungspotenzial!

Mit diesen Gedanken haben wir – Meike, Medizinstudentin aus Greifswald und Caroline, Ärztin aus München – die Initiative “Suture Work Collective” ins Leben gerufen. In das Abenteuer SWC starteten wir im März 2020 mit der Idee eines etwas anderen Mentoring-Programms – nämlich mit einem umfangreichen Peer-Mentoring-Konzept, kompetenzorientierten Trainings und dem Wunsch, die “New Work”-Philosophie im Gesundheitswesen gesellschaftsfähig zu machen. 

Doch was verstehen wir eigentlich unter New Work? Und wozu ist das gut?

Der Begriff “New Work” im Sinne des Philosophen Frithjof Bergmann, der gemeinhin als „geistiger Vater“ des Konzeptes gilt, wurde bereits in den 1970er Jahren geprägt. In seiner kapitalismuskritischen Utopie erweitert er die Arbeit zum Zweck des Lohnerwerbes um zwei Komponenten, nämlich die “High-Tech-Selbstversorgung” und die “Arbeit, die man wirklich, wirklich will”.  [1] Diese Gedanken wurden immer wieder neu- und uminterpretiert. Der Psychologe Markus Väth formulierte in der “New Work Charta” beispielsweise fünf zentrale Elemente, die der heutigen “New Work”-Philosophie auf der Makro- und Mikroebene zugrunde liegen: Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und soziale Verantwortung. [2]

Diese Grundbausteine des erfüllenden, befriedigenden Arbeitens lassen sich nicht nur auf hippe Start-Ups und PR-wirksame Großkonzerne übertragen, sondern auf einen jeden von uns, ganz egal ob Studierende*r, Hausmann/frau, Lehrer*in, Krankenpfleger*in, Wissenschaftler*in oder Astronaut*in. “New Work” ist für uns kein Blueprint, keine simple “Anleitung zum modernen Arbeiten”, sondern eine Grundhaltung, mit der wir uns individuelle Konzepte erarbeiten.

Klingt logisch – doch wie und wo das Ganze umsetzen?

Wo setzt man am besten an, damit Veränderungen wirklich nachhaltig wirken? Aus unserer Sicht am besten bei der jungen Generation – unsere Vision ist es, Studierende und Young Professionals aus verschiedenen Fachbereichen, von Pharmazie oder Medizin, über Pflegewissenschaften oder molekulare Medizin deutschlandweit miteinander in Kontakt zu bringen, durch Trainings zu stärken und ihnen die Chance zu geben, ihre erworbenen Fähigkeiten in einer Projektarbeit im Team anzuwenden. Das ist in dieser Kombination ein bislang einzigartiges Programm in Deutschland. Unser Ziel ist es, unsere Trainees auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten und sie zu ermutigen, sich aktiv für eine Veränderung im Gesundheitswesen einzusetzen, statt nur Akzeptanz und Hilflosigkeit zu erlernen. Dafür geben wir ihnen die nötigen “Tools” an die Hand.

Was wir genau vorhaben

Im Rahmen des strukturierten 10-monatigen Programms (Start: Oktober 2020) möchten wir Euch mit breitgefächerten Online- und Offline-Kursen zu Führungskompetenz, Teamarbeit, aber auch Themen wie Digitalisierung oder Interprofessionalität darin unterstützen, Euch Eurer eigenen Ressourcen, Stärken und Bedürfnisse bewusst zu werden, Probleme zu analysieren, Lösungsstrategien zu entwickeln und Euch genau den Themen zu widmen, für die ihr brennt. 

Brennen ohne auszubrennen

Mentale Gesundheit zieht sich als roter Faden in Themen wie Achtsamkeit, Selbstfürsorge, gewaltfreie Kommunikation, Selbstreflexion, Fehlermanagement oder Führungskompetenz durch das ganze Programmjahr. Wir möchten uns dafür einsetzen, dass jedes Mitglied des Gesundheitswesens die Chance hat, sein Arbeitsumfeld so zu gestalten, dass psychische Gesundheit im Alltag lebbar wird. Mentale Gesundheitsfürsorge ist ein Grundrecht, keine Selbstoptimierungs-Challenge oder gar eine Belohnung für besonders diszipliniertes “Zusammenreißen”. Daher freuen wir uns sehr, mit Blaupause echte Expert*innen und passionierte Advokaten für die gesunde Psyche an unserer Seite zu haben, um von und miteinander zu lernen. Nur wer nachhaltig mit den eigenen Ressourcen, egal ob körperlich oder geistig, umgeht, kann langfristig einen guten und zufriedenen Job machen ohne auszubrennen.

Wenn ihr neugierig geworden seid, ermutigen wir Euch dazu, Euch für das Programmjahr 2020/21 bei Suture Work Collective zu bewerben [https://www.suture-collective.org/bewerbung/]  (Bewerbungsschluss 19. Juli 2020), um mehr über Euch und andere zu lernen, Euch deutschlandweit zu vernetzen, an einem Herzensprojekt Eurer Wahl zu arbeiten und die Chance wahrzunehmen, Veränderungen im Gesundheitssystem und der medizinischen Arbeitswelt anzustoßen. So können wir gemeinsam die Hürde für neue Projektideen herabsetzen und womöglich den Grundstein für vielversprechende kleine und große Veränderungen, innovative Initiativen oder Start-Ups legen.

[1] vgl. Bergmann, F. (2004): Neue Arbeit, Neue Kultur. Arbor Verlag (Freiburg).

[2] vgl. Väth, M. et al.: New Work Charta. https://humanfy.de/new-work-charta/

Zum Weiterlesen:

Website: https://www.suture-collective.org/

Facebook: https://www.facebook.com/sutureworkcollective/

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