Krisen sind immer auch Chancen

Ein Beitrag von Fernanda Hübner.

Was für uns Fachkräfte in den psychosozialen Berufen geläufiger ist, mag für den „Laien“ in Zeiten von Corona fast schon nach Hohn klingen. Steigende Zahlen von Infizierten und Toten, verstärkte Einschränkungen der persönlichen und allgemeinen Freiheiten, allgemeine Verunsicherung. Egal ob online, am Fernsehen oder im Radio: Das Thema ist unausweichlich und damit dauerpräsent.

Von Freunden, Bekannten oder Facebook-Kontakten überlieferte „Ich habe gehört, dass…“ –Nachrichten tragen weder dazu bei, dass wir besser über die Faktenlage (!) informiert sind, noch uns weniger der unklaren Situation ausgeliefert fühlen. Im Gegenteil. Sich überstürzende, hysterisch gefärbte Meldungen durch private Kontakte oder die Presse verstärken häufig die Gefühle von Orientierungslosigkeit („Wer hat denn nun Recht??“), Unsicherheit („Wie geht es mit meinem Job weiter?“) und Angst („Was, wenn…?!“).

Wer vor Corona seinen Alltag mit den gewohnten Strukturen souverän bewältigen konnte, gerät aktuell möglicherweise an seine emotionalen Grenzen. Denn: Alltag so wie bisher ist oft nicht mehr möglich. Zwischenmenschlicher Kontakt kann kaum noch persönlich stattfinden. Halt und Sicherheit vermittelnde Gewohnheiten, Aktivitäten und Unternehmungen fallen weg. Verschlungen von der unsichtbaren Gefahr CoViD-19.

Als Beraterin in einem Sozialpsychiatrischen Dienst sehe ich es in der momentanen Situation als meine Aufgabe, meinen Klienten Ruhe zu vermitteln und mit ihnen, bei Bedarf, Strategien im Umgang mit der Lage zu besprechen und zu reflektieren. Erstaunlich war hierbei für mich, dass meine Klienten mit dem Thema erstaunlich ruhig umzugehen zu scheinen. Angststörung, Depression, Persönlichkeitsstörung: Häufig erhalte ich die Rückmeldung, dass man sich a) zwar schon Sorgen mache, aber das aushaltbar sei oder b) man schon genug Krisen erlebt und bewältigt habe und einen deshalb diese nicht weiter aus dem Sattel werfe. Viele erwähnen Corona in den (aktuell telefonisch stattfindenden) Beratungskontakten nicht einmal. Es scheint also, als wirke die schon vorhandene Erfahrung mit psychischer Belastung immunisierend gegen das, was Krisen so gefährlich macht: Angst, Hysterie, Panik, Kurzschlusshandlungen.

„Krisen machen resilient“

Das sagte schon die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner, die im Jahr 1955 eine Langzeitstudie mit Kindern, die unter vielfältigen erschwerten Bedingungen aufwuchsen, durchführte. Ein Drittel der begleiteten Kinder entwickelte sich trotz schwieriger sozialer Verhältnisse positiv. Sie wuchsen zu selbstsicheren Erwachsenen heran und zeigten Fähigkeiten wie Flexibilität, Kreativität und Bewältigungskompetenz. Sie pflegten stabile Kontakte zu Bezugspersonen. Aus diesem Ergebnis entstand das Konzept von „Resilienz“, der psychischen Widerstandskraft. Resiliente Menschen sind in der Lage mit Belastungen umzugehen, Krisen zu überwinden und zur eigenen Weiterentwicklung zu nutzen. Sie können so ihre psychische Gesundheit trotz erschwerter Bedingungen erhalten.

Eine solche Ausnahmesituation wie wir sie aktuell vorfinden macht es erforderlich uns und unser Handeln flexibel an die Gegebenheiten anzupassen und neue Möglichkeiten zu erkunden. Es geht um die Übernahme von Verantwortung – für uns und Andere.

Krisen fordern uns förmlich dazu auf, uns selbst besser kennen zu lernen und resilienter zu werden. Niemand fühlt sich gerne hilflos, verunsichert und ängstlich. Niemand hat gerne das Gefühl, dass sich das eigene Leben und die Welt im Ganzen in völlig unbekannte, möglicherweise bedrohliche Richtungen entwickelt. Und doch können wir in schwierigen Zeiten das Rüstzeug dazu entwickeln, mit solchen Gefühlen umgehen zu lernen. Gerade jetzt müssen wir es. Konstruktiver Umgang kann aber eben auch bedeuten, dass es diesmal nicht ausreicht, die Gefühle zu vermeiden („Ich möchte mich nur noch einigeln und gar nichts mehr davon mitkriegen“) oder sich durch Arbeit, Genussgifte oder hektische Betriebsamkeit von ihnen abzulenken. Vielmehr gilt es meiner Meinung nach, die auftretenden Gefühle wahr- und ernst zu nehmen und sich dann bewusst dafür zu entscheiden, wie man mit ihnen umgehen möchte. Die bisher im Leben erlernten Strategien reichen dafür zunächst vielleicht nicht immer aus, aber dann ist jetzt umso mehr der richtige Zeitpunkt um das eigene Repertoire an Bewältigungsmöglichkeiten zu erweitern. Ein wichtiger Schritt kann auch sein, sich einzugestehen und zu erlauben, gerade Unterstützung zu brauchen.

Wer sich so selbst immer wieder demonstriert, dass er mit solch schwierigen Bedingungen gelingend umgehen kann und ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist, der gewinnt an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Und damit schließlich die stärkende Erkenntnis: Hey, egal was kommt, ich werde irgendwie damit klarkommen.

Die Blogeinträge spiegeln die persönlichen Meinungen und Erfahrungen der Autor*innen wider.

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