Ein Einblick in den Pflege-Report 2019

Ein Beitrag von Eva Kuhn.

Ende 2019 ging ein Aufschrei durch die sozialen Medien: #respectnurses [1]. In den Alltagserfahrungen, die Pflegende unter diesem Hashtag berichtet haben, ging es neben Sexismus und Belästigung immer auch um fehlende Wertschätzung und mangelnde Anerkennung.  

Der Beitrag von Rolf Schmucker im jüngst erschienen Pflege-Report 2019 untermauert die anekdotische – und dabei nicht weniger tragische – Evidenz [2]. Schmucker gibt auf Grundlage von Befragungsdaten des DGB-Index Gute Arbeit (Jahre 2012 bis 2017) einen umfassenden Überblick über die Arbeitsbedingungen in der Alten- und Krankenpflege.  

Aufgrund von Pflegefachkräftemangel sowie Erhöhung des Pflegeschlüssels sind Pflegekräfte einer enorm hohen Arbeitsintensität und stets wachsendem Zeitdruck ausgesetzt. Bereits 2015 gaben 47% der Pflegekräfte an, dass sie so viele Aufgaben zu erledigen haben, dass sie vorgeschriebene Pausen ausfallen lassen. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die Patient*innen, welche aufgrund des Arbeitspensums nicht bestmöglich versorgt werden können. Vielmehr werden dadurch die Pflegenden selbst weiteren Stressoren ausgesetzt. Zum einen leben sie im ständigen Bewusstsein, dass sie ihre Tätigkeit aufgrund der hohen körperlichen wie psychischen Belastungen nicht bis zum Renteneintritt ausführen werden können. Zumindest unbewusst erzeugt dies durch Gedanken an eine (finanziell) unsichere Zukunft emotionalen Stress. Zum anderen erleben sie sogenannten moralischen Stress. Dieser tritt dann auf, wenn sich Pflegende aufgrund äußerer Umstände dazu gezwungen sehen, Abstriche bei der Pflegequalität zu machen, dies aber ihrem Berufsethos und ihren moralischen Wertvorstellungen diametral widerspricht. 

Diesem Stress und der dadurch entstehenden Unzufriedenheit können Pflegekräfte jedoch im Stationsalltag nicht einfach Luft machen. Das Gros ihrer Arbeit besteht aus Patientenkontakt, in welchem sie gefordert sind, ‚unangemessene‘ Gefühle zu unterdrücken und vom Gegenüber gewünschte oder erwartete Emotionen zu zeigen [2]. Diese sogenannte Emotionsarbeit stellt eine weitere, oft unterschätzte Herausforderung dar, die direkt Einfluss auf das psychische Wohlbefinden nimmt. Schließlich belastet auch das Ausbleiben einer angemessenen Entlohnung ganz im Sinne einer beruflichen Gratifikationskrise die Psyche. 

Schmuckers Beitrag im Pflege-Report 2019 zeigt deutlich: Die mentale Gesundheit von Pflegekräften ist höchstgefährdet. Dass die Dauerüberlastung von vielen dennoch gut bewältigt wird, ist wohl einem äußert hohen Sinnerleben geschuldet. 94% der Befragten haben den Eindruck, dass sie mit ihrer Pflegetätigkeit einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Unter den Vorzeichen von Burnout, Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sie diesen Beitrag nicht mehr leisten können und– zugespitzt formuliert – selbst zum Pflegefall werden. Aus dem Aufschrei #respectnurses muss ein Pflegen der Pflege werden. 

[1] Simmank, Jakob (2019): “Ich bin keine Schnecke. Ich bin eine Pflegekraft.“ ZEIT Online vom 15. Dezember 2019. URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-12/respectnurses-krankenschwester-pflege-krankenhaus-sexuelle-belaestigung (zuletzt abgerufen am 22. Februar 2020) 

[2] Schmucker, Rolf (2020): Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen. Ergebnisse einer Sonderauswertung der Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index Gute Arbeit, in: Jacobs, Klaus; Kuhlmey, Adelheid; Greß, Stefan; Klauber, Jürgen; Schwinger, Antje (Hrsg.): Pflege-Report 2019. Mehr Personal in der Langzeitpflege – aber woher? Heidelberg: Springer Open, S. 49-60. 

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