“Die Menschlichkeit gehört in den Vordergrund der Medizin”

Dieses Interview ist im Rahmen einer Kooperation mit Hashtag Gesundheit entstanden.

Die Fragen stellte Eva Kuhn.

Dr. med. Felix Freudenberger (30) ist Arzt in der Hämatologie und Onkologie, Universitätsklinikum rechts der Isar, München und als 2. Vorsitzender für den gemeinnützigen Verein Medizin und Menschlichkeit e.V. (MuM) tätig. Neben der Fürsorge für seine Patient*innen möchte er junge Menschen in Gesundheitsberufen auf ihrem eigenen Weg stärken und ermutigen. Weitere Informationen zu MuM gibt es hier: https://medizinundmenschlichkeit.de/ 

DIE FÜNF – Einstiegsfragen: 

  1. Mentale Gesundheit ist für mich … 

… zu essenziell im Gesundheitswesen, um das Thema weiterhin so stiefmütterlich zu behandeln. Die steigende Prävalenz psychischer Erkrankungen über die letzten Jahre ist alarmierend. Daher zuallererst herzlichen Dank liebes Blaupause-Team für euer Engagement!

Für mich persönlich ist mentale Gesundheit eng mit Selbstbestimmtheit und dem Gefühl von Stimmigkeit (Kohärenzgefühl nach Antonovsky) verknüpft. Beides ist durch die aktuellen Anforderungen des Gesundheitssystems an dessen Arbeitnehmer*innen regelhaft gefährdet.

Der große soziale Druck im System und das hohe Pflichtbewusstsein von Gesundheitsberufler*innen führt dazu, einen Job weiterzumachen, obwohl es überfällig wäre, ihn zu beenden. Die meisten Menschen in medizinischen Berufen werden das ohnmächtige Gefühl kennen, so viel Arbeit zu haben, dass sie schlichtweg nicht zu bewältigen ist.

So beginnt man Kompromisse zu machen, Abstriche am Idealbild zum Berufsstart, Abstriche an der eigenen Gesundheit. Das führt zwangsläufig zu Unzufriedenheit und Krankheit. Mittlerweile haben sich jedoch Abhängigkeiten aufgebaut, die einen einfachen Jobwechsel verhindern, also macht man weiter… Dass ein solches Szenario die mentale Gesundheit gefährdet, liegt auf der Hand.

Diese Missstände im System müssen sich ändern. Ich hoffe, wir können durch unsere Vereinsarbeit einen Teil dazu beitragen.

  1. Was tust Du persönlich für Deine eigene Psychohygiene/um Abstand von Deinem Berufsalltag zu bekommen?

Ich versuche neben der Arbeit regelmäßig Sport zu machen und so oft wie möglich in die Berge/Natur zu gehen. Dann habe ich das Glück mit einer Ärztin zusammenzuwohnen, mit der ich mich über Erlebnisse in der Klinik wunderbar austauschen kann. Auch die milde, ausgleichende Energie meiner Partnerin ist eine ganz wichtige Ressource für mich.

  1. Worin siehst Du erste „Warnsignale“ beginnender psychischer Probleme bei Kolleg*innen und was tust Du persönlich, wenn Du diese bemerkst?

Für mich ist es ein Warnsignal, wenn z.B. ein ehrliches Lächeln auf der Arbeit nicht mehr möglich ist.

Kolleg*innen direkt auf deren mentale Gesundheit anzusprechen, empfinde ich als schwierig, da es schnell fehlinterpretiert werden kann. Außerdem fehlt auf der Arbeit in der Regel das richtige Setting.

Ich bin Anfang Mai im Rahmen der Weiterbildung von einer onkologischen Tagesklinik in die Notaufnahme der Klinik rotiert. Seitdem habe ich Kolleg*innen im Gespräch immer mal wieder erzählt, dass mich dieser erste Monat im neuen Arbeitsumfeld überfordert und körperlich wie psychisch total anstrengt. Für mich war es wichtig zu wissen, wie es anderen in der gleichen Situation geht. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Sobald ich mich geöffnet hatte, fiel es meinem Gegenüber leichter über deren Befinden zu sprechen. Das stärkt natürlich auch das Teamgefühl.

  1. Was macht es Deiner Erfahrung nach gerade für Behandelnde/Helfende so schwer, selbst Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen?

Da gäbe es viele Gründe aufzuzählen.

Ich spüre insbesondere einen großen sozialen Druck, das Team ebenso wie die Patient*innen nicht im Stich zu lassen. Wenn jemand ausfällt, ist die Versorgung in unserem Gesundheitssystem leider doch schnell gefährdet, oder muss eben auf Kosten der Gesundheit von Kolleg*innen kompensiert werden.

Ein weiteres großes Problem ist die nach wie vor bestehende Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, einhergehend mit dem makellosen Bild der Ärzteschaft innerhalb der Gesellschaft. Psychisch erkrankte Therapeut*innen werden immer noch häufig von Erkrankten und Vorgesetzten im Gesundheitswesen abgelehnt. Umgekehrt stellt eine rein körperliche Erkrankung in der Regel kein Problem dar, hier wird sogar meist versucht die Beschäftigten zu unterstützen.

Von Kindheit an wird das klassische Bild der „Götter in Weiß“, auch in Film und Fernsehen, gezeichnet. Das beeinflusst nicht nur das Selbstbild, sondern führt auch dazu, dass sich Ärzt*innen noch stärker unter Druck setzen.

  1. Was müsste sich Deiner Meinung nach ändern, um das Thema „psychische Störungen“ besonders bei im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren?

Noch mehr Aufklärung, noch mehr Unterstützungsangebote. Und das auf Arbeitgeberseite nicht auf freiwilliger Basis, sondern gesetzlich oder tariflich verankert!

Doch vor allem brauchen wir eine bessere Prävention, damit psychische Störungen im besten Fall gar nicht erst entstehen. Konkrete Beispiele der Prävention sind Selbsterfahrung und dialogische Fähigkeiten. Das sind Kernelemente von MuM, die mir in meinem Berufsalltag und der Erhaltung meiner mentalen Gesundheit immens helfen. Im Gesundheitswesen finden sich diese Elemente vor allem in der Psychotherapie-Ausbildung. Meiner Meinung nach sollten diese Elemente auch für die Arzt- und Pflegeausbildung sowie weitere Heilberufe Pflicht sein.

Die Frage aus dem Forum: 

  1. Vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen, wie siehst Du Verteilung von Aufgaben, Verantwortung und Wertschätzung zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen? 

Die COVID-Pandemie hat natürlich im besonderen Maße auf die Missstände in Gesundheitsberufen aufmerksam gemacht. Momentan kommt bei mir jedoch die Befürchtung auf, dass diese Aufmerksamkeit nicht in grundlegende, nachhaltige Veränderungen umgesetzt wird.

Von Seiten der Patient*innen hat es mir nie an Wertschätzung gemangelt, ganz im Gegenteil, ich bin immer wieder gerührt, wie viel Dankbarkeit und Wertschätzung mir geschenkt wird.

Zwischen den einzelnen Berufsgruppen sehe ich noch großes Wachstumspotenzial in Sachen Wertschätzung. Bisher läuft Pflege- und Arztalltag meist voneinander getrennt ab. In meiner bisherigen Wahrnehmung gibt es kaum Überschneidungen oder gemeinsame Tätigkeiten. Da stelle ich mir eine sinnvolle Integration vor (gemeinsame Früh-/Mittags-/Abendrunden, gemeinsame Patientenvisiten, teambildende Maßnahmen, etc.).

Was die einzelnen Aufgabenbereiche angeht, habe ich in der Schweiz im Praktischen Jahr positive Erfahrungen mit einem erweiterten Verantwortungsfeld der Pfleger*innen gemacht, was den Beruf selbst natürlich auch attraktiver gestalten würde für potenzielle Bewerber*innen.

Natürlich gibt es noch viele weitere, genauso wichtige Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die es hier nicht zu vergessen gilt. Letztlich sollten wir uns alle als großes Team begreifen und im Sinne der Patient*innen zusammenarbeiten, egal ob Ärztin, Pfleger, Physiotherapeut oder Reinigungskraft.

Aufgrund der aktuellen Antirassismus-Bewegung möchte ich auch kurz darauf aufmerksam machen. Der institutionalisierte Rassismus betrifft sicherlich auch das Gesundheitswesen!

Die Fragen zur Expertise:  

  1. .Du engagierst dich in dem Verein Medizin und Menschlichkeit. Wofür setzt Ihr als Verein euch ganz grundsätzlich ein und welche konkreten Projekte stehen gerade bei MuM an?

Wie der Vereinsname gewissermaßen verrät, ist es uns ein Anliegen, die Menschlichkeit in der Medizin in den Vordergrund zu stellen. In Zeiten der ökonomisierten Medizin ist das leider nicht selbstverständlich. Wie können wir heute am Patientenbett, im Patientengespräch trotz der wenigen Zeit, die uns pro Patient*in bleibt, menschlich sein und menschlich handeln? Aber auch: Wie kann ich selbst, als Therapeut*in, unter den aktuellen Voraussetzungen gesund bleiben, mir selbst gegenüber menschlich sein?

In der gelebten Vereinsarbeit möchten wir unter anderem diese Fragen beantworten. Das Herzstück dieser Arbeit ist dabei die jährliche Frühjahrsakademie. Dort trifft sich für eine Woche eine Gruppe junger Menschen aus Gesundheitsberufen, um sich auf einer ganz tiefen und bewussten Ebene mit Themen wie Werte, Vision, Dialog, Grenzen oder Berührung auseinanderzusetzen. Ich bin überzeugt, durch Reflexion und Stärkung der eigenen Identität und Persönlichkeit schaffen wir Resilienz und können den Herausforderungen des Berufslebens besser begegnen.

Gleichzeitig ist MuM so viel mehr und für jeden ein bisschen anders. Das heißt, diese Beschreibung ist nur eine von vielen gelebten MuM Wahrnehmungen und Wahrheiten.

Konkret anstehende Projekte sind aktuell aufgrund der Pandemie schwierig zu benennen. Zwar treffen wir uns auch virtuell, jedoch lebt MuM, und wird erlebbar, durch den persönlichen Kontakt. Leider musste die diesjährige Frühlingsakademie wegen des Virus ausfallen. Unser Ziel ist es, sie im Herbst nachzuholen. Das ist aber noch nicht spruchreif.

  1. Was motiviert Dich persönlich, dich in diesem Themengebiet zu engagieren?  

Im Medizinstudium selbst hat mir etwas gefehlt, das ich nicht benennen konnte, aber dazu geführt hat, auf eine unbewusste Suche zu gehen. Letztlich war es vielleicht die Suche nach der eigenen Identität innerhalb eines polarisierenden Berufsfeldes.

So bin ich über verschiedene Zwischenstationen wie TCM oder Phytotherapie auf Medizin und Menschlichkeit gestoßen. Die dort gemachten Erfahrungen helfen mir im Arztberuf, aber auch in meinem Alltag und auf meinem persönlichen Lebensweg so sehr, dass ich dazu beitragen möchte, Medizin und Menschlichkeit für mehr Menschen erfahrbar zu machen.

  1. Was kann ein Verein wie MuM oder Blaupause leisten? Welche Veränderungs- und Einflussmöglichkeiten hinsichtlich der Situation von Gesundheitsberufler*innen siehst Du?

Grundsätzlich glaube ich hat jeder Verein das Potenzial, die eigene Vision zu verwirklichen. So eine Vision mag nur ganz unterschiedlich aussehen und verschieden groß sein.

MuM gibt es nun seit über zehn Jahren. Unser Weg ist bisher nicht der einer schnellen, politisch geprägten Veränderung. Wir gehen kontinuierlich Schritt für Schritt, versuchen einfach über die Zeit immer mehr Menschen zu erreichen und zu vernetzen. Für andere Vereine mag das anders sein und das ist auch fein.

  1. Welche Bedeutung hat mentale Gesundheit in der ärztlichen Ausbildung? Welche Bedeutung sollte sie Deiner Meinung nach haben?

Darauf bin ich ja bereits vorher etwas eingegangen. Bisher wird dem Thema in der medizinischen Ausbildung leider kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wünsche mir hier vor allem mehr präventive Ausbildungsinhalte für alle Gesundheitsberufe, aber auch frühzeitige Awareness und Aufklärung zur Entstigmatisierung.

  1. Was sind nach Deiner Einschätzung die größten Herausforderungen im Gesundheitswesen für die Zukunft?

Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich die Ökonomisierung des Gesundheitssystems und deren Folgen wie Stellenabbau, Verdichtung von Arbeit oder die Bindung an DRG-Fallpauschalen.

Sicherlich hat die Gesellschaft ein Interesse daran, die Kosten für das Gesundheitssystem in Grenzen zu halten. Das heißt, ökonomisches Denken per se ist ja nicht verkehrt. Es braucht jedoch ein Umdenken, weg von Gewinnmaximierung, hin zu Ressourcenschonung! Ist diese spezielle Untersuchung wirklich notwendig für diesen einen Patienten oder ist sie vor allem profitabel?

Es braucht eine patientenzentrierte und -orientierte Versorgung. Wenn die Bedürfnisse der Patient*innen nicht im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen, begehen wir nicht nur Verrat an den Patient*innen, sondern auch an uns selbst.

Das heißt wir müssen uns trauen grundlegende Systemfragen, wie z.B. die Notwendigkeit einer Privatisierung des Gesundheitssektors, zu stellen.

Dennoch möchte ich das Bild nicht allzu schwarzmalen. In meiner Arbeit im Krankenhaus sehe ich den täglichen, gewissenhaften Einsatz meiner Kolleg*innen im besten Interesse der Patient*innen. Das stimmt mich hoffnungsvoll, auch für die Zukunft.

DIE ZWÖLFTE – Abschlussfrage 

  1. Welchen Rat möchtest Du Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten oder sich in einer entsprechenden Ausbildung befinden, hinsichtlich ihrer eigenen mentalen Gesundheit mit auf den Weg geben?

Vor allem möchte ich sie ermutigen. Wenn du in einem Gesundheitsberuf arbeitest, halte genau jetzt mal kurz inne… nimm zwei tiefe Atemzüge… und mache dir bewusst – du hast einen wunderbaren, sinnvollen Beruf gewählt… nimm dir die Zeit dafür, die du brauchst das zu spüren, dir bewusst zu machen. Spüre die Freude, die mit dieser Berufung einhergeht. Auch wenn sie gerade nicht da ist, du weißt wie sie sich anfühlt… rufe dir die Freude herbei… und dann würdige DEINE Leistung für deine Mitmenschen. DANKE!

Was ist 5vor12? 

5 vor 12 – der psychische Druck auf im Gesundheitswesen Beschäftigte steigt zunehmen. Immer mehr Mitarbeiter*innen in Krankenhäusern, Beratungsstellen und psychosozialen Institutionen leiden selbst an psychischen Erkrankungen. Es ist, ganz wörtlich, 5 vor 12 und höchste Zeit, dass Menschen, die im Gesundheitsweisen arbeiten, zu Wort kommen und ihre beruflichen, wissenschaftlichen und persönlichen Erfahrungen mit einer breiten Öffentlichkeit teilen.  

In unseren “5 vor 12”-Interviews sprechen wir mit Expert*innen über mentale Gesundheit im Gesundheitswesen. Expert*innen sind für uns all diejenigen Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten, als Gesundheitsberufler*in selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen sind oder zu diesem Thema forschen. 

Du siehst dich selbst ebenfalls in einer der drei Kategorien (1) tätig im Gesundheitswesen, 2) psychisch Erkrankte*r Gesundheitsberufler*in, 3) Wissenschaftler*in mit Schwerpunkt mentale Gesundheit im Gesundheitswesen) und möchtest deine Erfahrungen gerne in einem “5 vor 12”-Interview mit uns teilen? 
 
Dann melde dich bei uns unter vorstand@blaupause-gesundheit.de 
Selbstverständlich sind auch anonyme Interviews möglich. 

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