Ärztin und bipolar – eine Psychiaterin schreibt über den offenen Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung

Eine Rezension von Juliane Luttmann

In unserer letzten Rezension haben wir ein Praxisbuch vorgestellt, das sich dem Erhalt seelischer Gesundheit im Gesundheitswesen durch Prävention widmet. Bereits 2019 hat Astrid Freisen, Mitbegründerin des DGBS[1]-Referats Selbst Betroffene Profis, im Interview mit Blaupause darauf hingewiesen, dass Prävention wichtig sei, aber “sich nicht alle psychischen Erkrankungen „’wegpräventieren’ lassen.”

Anfang des Jahres erschien nun ihr Buch “Wir fliegen hoch, wir fallen tief. Eine Psychiaterin spricht offen über ihre Bipolare Störung und zeigt, wie wir mit der Krankheit umgehen können” im Eden Verlag. Es ist eine Liaison aus autobiographischem Nachspüren und psychoedukativen Infotexten zur Bipolaren Störung. Die Autorin gibt uns Einblicke in ihre manisch-depressive Krankheitsgeschichte und ihren beruflichen Werdegang als Psychiaterin mit psychischer Erkrankung und Multipler Sklerose. Sie nimmt uns mit durch die unterschiedlichen Phasen der Krankheitsakzeptanz, von der Diagnosestellung über Fragen der Selbststigmatisierung bis hin zur offenen Kommunikation und zum Ankommen im eigenen Leben.

Während ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie wird bei Astrid Freisen zunächst eine Multiple Sklerose, dann eine Bipolare Störung diagnostiziert. Nach einer depressiven Episode folgt eine manische. Freisen gibt uns intime Einblicke in diese Zeit und klärt am eigenen Exempel über die psychische Erkrankung auf. Die Erkrankung bringt Zweifel, Schuldgefühle und Ängste vor Stigmatisierung am Arbeitsplatz mit sich.

“Ich weiß nur, dass ich mich mit meiner Bipolaren Störung, vor allem direkt nach der Manie, unter den vielen ärztlichen und psychologischen Kolleginnen allein, verloren und beschämt gefühlt habe.”

(Freisen 2023, S. 143)

Doch Freisen fühlt sich auch bestärkt durch ihren liebevollen Ehemann. Nach und nach findet sie einen Weg, wie sie offen mit ihrer Bipolaren Störung umgehen kann. Sie begibt sich auf die Suche nach anderen Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen wie sie machen. Als – mittlerweile – Fachärztin ist sie in einer besonderen Situation, kennt die Seite der Betroffenen und die der Behandelnden, mit den im Gesundheitswesen typischen Anforderungen, Erwartungen, Stressoren. Da es die Selbsthilfegruppe, die sie sucht, noch nicht gibt, wird sie selbst aktiv. Einem Symposium folgt die Gründung der bereits erwähnten Selbst Betroffenen Profis. Mit einer Kombination aus Erfahrungswissen und fachlichem Wissen unterstützen die im Referat Aktiven betroffene Kolleg*innen durch Telefonberatung und Selbsthilfegruppen, betreiben Öffentlichkeits- und Anti-Stigma-Arbeit.

Langsam wächst Freisen in den Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung hinein. Sie schildert, wie sie sich eine Rezidivprophylaxe erarbeitet mit Psychoedukation, medikamentöser und Psychotherapie, Selbstbeobachtung, einem mehrstufigen Krisenplan sowie einer notwendigen Anpassung ihres Lebensstils, die sie schließlich zusammen mit ihrem Ehemann nach Island zieht, wo sie derzeit als Psychiaterin tätig ist.

Astrid Freisen zeigt durch die Kombination ihrer persönlichen Geschichte mit  jeweils dazu passenden psychoedukativen Passagen, dass das Empfinden von Betroffenen im Gesundheitswesen universal ist. Die Autorin zeigt, wie sie auf dieser Grundlage einen Weg gefunden hat, das eigene Leben mit  psychischer Erkrankung zu gestalten, Bewältigungsstrategien und einen individuellen Umgang mit dieser zu entwickeln.

“Wir fliegen hoch, wir fallen tief” ist ein hoffnungsvolles Buch, unterhaltsam und zugleich mit Ernsthaftigkeit geschrieben, entstigmatisierend und intim. Die Autorin spricht zu Beginn eine Triggerwarnung aus und beendet ihr Buch mit einem Anhang mit Hilfsangeboten im Krisenfall. Als musikalischer Bonus stimmt sie mit einem Soundtrack auf die einzelnen Kapitel ein.

___

Astrid Freisen: Wir fliegen hoch, wir fallen tief. Eine Psychiaterin spricht offen über ihre Bipolare Störung und zeigt, wie wir mit der Krankheit umgehen können. Eden Verlag. 1. Auflage 2023, 256 Seiten, Klappenbroschur. ISBN: 978-3-959-10376-3

Transparenzhinweis: Blaupause hat vom Eden Verlag freundlicherweise ein Rezensionsexemplar erhalten.                  


[1] DGBS = Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert