Dr. Freisen über “Selbst betroffene Profis”

– “5 vor 12” mit Dr. Astrid Freisen –

Kurze Vorstellung der Interviewten

Name:      Dr. Astrid Freisen

Alter:       40

Beruf/Berufung: Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Stationsärztin in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Tagesklinik.

Seit 2014 leitet Dr. Freisen das Referat „Selbst Betroffene Profis“ innerhalb der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen. Ihr Ziel ist es, andere, von einer bipolaren Störung betroffene Kolleg*innen zu unterstützen und der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegenzuwirken. Nachdem sie zuvor vergeblich eine Selbsthilfegruppe oder ähnliches für psychisch kranke Ärzt*innen gesucht hatte, gründete sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen die „Selbst betroffenen Profis“.

DIE FÜNF – Einstiegsfragen:

  1. Was bedeutet mentale Gesundheit für dich?

Mentale Gesundheit ist für mich ein Zustand des psychischen Wohlbefindens, der es mir ermöglicht, zufrieden und produktiv zu arbeiten und dabei eine gute Balance zu sozialen Aktivitäten und Freizeit zu finden.

  1. Was tust du persönlich für deine eigene Psychohygiene/ um Abstand von deinem Berufsalltag zu bekommen?

Am Arbeitsplatz arbeite ich in einem kleinen, sehr erfahrenen Team. Der interprofessionelle Austausch auf Augenhöhe und ein gutes Arbeitsklima sind für meine Psychohygiene sehr wichtig, ebenso eine regelmäßige Supervision.

Im Privaten ist es für mich vor allem der Sport. Ich habe z.B. das Bogenschießen für mich entdeckt. Dabei muss ich ganz fokussiert sein, damit die Abläufe funktionieren. Für Nebengedanken ist da kein Platz. Ich bin auch gerne in der Natur, wandere z.B. regelmäßig. Ich genieße aber auch das Zusammensein mit Freunden, gerne auch bei einem guten Essen.

Und auch die ‚Selbst Betroffenen Profis‘ sind Teil meiner Psychohygiene: Der Austausch über Schwierigkeiten am Arbeitsplatz mit Kolleg*innen in einer ähnlichen gesundheitlichen Situation ist für mich oft sehr entlastend. Aus der Zusammenarbeit sind mit der Zeit Freundschaften entstanden, die ich nicht mehr missen möchte.

  1. Worin siehst du erste „Warnsignale“ beginnender psychischer Probleme bei Kolleg*innen und was tust du persönlich, wenn du diese bemerkst?

Warnsignale sehe ich, wenn jemand dauerhaft sehr gestresst und überlastet wirkt, leicht reizbar ist, immer weniger kommuniziert und seine Arbeit trotz Überstunden nicht mehr geregelt bekommt. Ich spreche das dann an oder bitte ggf. jemand anderen aus dem Team, den Kontakt zu suchen, wenn ich selbst keinen guten Draht zum*r Betroffenen habe.

  1. Was macht es deiner Erfahrung nach gerade für Behandelnde/Helfende so schwer, selbst Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen?

Meiner Erfahrung nach neigen in psychosozialen Feldern tätige Kolleg*innen in einem besonders hohen Maß zur Selbststigmatisierung. Trotz des eigenen Fachwissens in eine psychische Krise zu geraten, wird häufig als persönliches Versagen erlebt. Es ist mit einer großen Scham verbunden, dieses „Versagen“ gegenüber potentiellen Behandler*innen zu offenbaren. Leider habe ich auch mehrfach mitbekommen, dass Betroffene tatsächlich eine Stigmatisierung durch Behandler*innen erlebt haben. Das verstärkt die Ängste Hilfe zu suchen natürlich.

  1. Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, um das Thema „psychische Störungen“ besonders bei im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren?

Mehr Offenheit! Je mehr Kolleg*innen zu ihrer eigenen Krisen- und Krankheitsgeschichte stehen, desto selbstverständlicher wird der Umgang damit. Aktuell beginnt sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen bei Behandler*innen zu verändern: Die Doppelerfahrung wird auch als Chance für eine Verbesserung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung gesehen. Das ist eine sehr positive Entwicklung, nachdem lange das Credo galt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nichts in sozialen Berufen zu suchen haben.

Die Frage aus dem Forum:

  1. Oft fallen neuen Kolleg*innen schnell(er) eingefahrene Verhaltensmuster auf Station oder auch eine beispielsweise abschätzige und belastende Kommunikationskultur auf. Wie können solche Beobachtungen angesprochen werden, ohne sich selbst ins Aus zu katapultieren? 

Leider sind im Gesundheitswesen – insbesondere im Krankenhaus – die Strukturen oft sehr hierarchisch. Derzeit finden zwar Veränderungen statt, aber diese benötigen Zeit. Eine direkte Ansprache gegenüber dem gesamten Team könnte tatsächlich Nachteile mit sich bringen. Es erscheint ratsamer, sich zunächst an ein vertrautes Teammitglied zu wenden, um so vielleicht Verbündete für das Anliegen zu gewinnen.

Die Fragen zur Expertise:

  1. Du bist selbst betroffener Profi. Was hat dich dazu bewogen, Kolleg*innen und Vorgesetzten von deiner Erkrankung zu erzählen?

Auch ich habe zunächst nichts über meine Erkrankung erzählt – zu groß war die Angst vor Stigmatisierung und Benachteiligung am Arbeitsplatz. Ich habe zunächst auch Nachtdienste gemacht, obwohl ich wusste, dass ich damit nur schlecht zurechtkomme. Dann geriet ich in eine manische Phase, deren Symptome meinen Vorgesetzten nicht verborgen blieben. Die Öffnung gegenüber meiner Vorgesetzten am Arbeitsplatz war also nicht ganz freiwillig. Heute ist es so, dass ich weiterhin abwäge, wem ich was über meine Erkrankung erzähle. Ich brauche das Gefühl, dass meine Geschichte bei meinem Gegenüber gut aufgehoben ist.

  1. Welche Vor- und Nachteile kann es haben, seine psychische Erkrankung öffentlich zu machen?

Für mich ist der wichtigste Vorteil, dass meine Kolleg*innen es mir mitteilen, wenn sie Veränderungen an mir bemerken und ich darauf reagieren kann. Dies macht es mir auch leichter, zu sagen, wenn ich mich nicht gut fühle und am Arbeitsplatz etwas zurückschrauben muss. Der größte Nachteil ist natürlich die Stigmatisierung, die ich auch erfahren musste. Und die Gefahr, dass jede emotionale Regung gleich als Krankheitssymptom gewertet wird.

  1. Wie sollten Kolleg*innen idealerweise reagieren, wenn sie erfahren, dass Eine*r aus ihrem Team in psychotherapeutischer und/ oder psychiatrischer Behandlung ist?

Verständnisvoll und nicht wertend. Das ist leicht gesagt, passiert aber leider immer noch viel zu selten. Viele Kolleg*innen erfahren immer noch Stigmatisierung am Arbeitsplatz. Anstatt notwendiger Unterstützung erleben sie Ausgrenzung und eine Reduzierung auf ihre Diagnose.

  1. Was liegt der Arbeitsgruppe “Selbst betroffene Profis” der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen besonders am Herzen?

Der Austausch zwischen betroffenen Kolleg*innen und die Beratung, die oft einen Ausweg aus der Isolation aufzeigt. An uns wenden sich Kolleg*innen, die Angst haben, wegen ihrer Erkrankung ihre Approbation zu verlieren und deshalb keine professionelle Hilfe suchen, die nicht wissen, ob sie nach mehreren Erkrankungsphasen überhaupt wieder arbeiten können oder sollten, oder die aufgrund ihrer Erkrankung massive Nachteile am Arbeitsplatz erleben. Sie haben oft niemanden, an den sie sich wenden können und sind extrem verunsichert. Bei anderen geht es um Fragestellungen wie die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises oder die Berentung wegen Berufsunfähigkeit. Für diese Kolleg*innen in einer schweren Krise sind wir oft der erste Ansprechpartner.

Gesellschaftspolitisch ist unser wichtigstes Anliegen die Anti-Stigma-Arbeit. Die beginnt bei der Selbststigmatisierung, die oft schon dadurch gemindert werden kann, dass Betroffene merken, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Diagnose. Wichtig ist uns auch, die Stigmatisierung im Gesundheitswesen aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass Menschen, die im psychosozialen Bereich arbeiten auch oder sogar im besonderen Maße von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Übergeordnetes Ziel ist die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit. Wenn mein Arzt sagen kann, dass er unter einer bipolaren Störung leidet, dann kann ich es ja vielleicht auch tun. Deshalb haben wir unsere Öffentlichkeitsarbeit in den letzten Jahren intensiviert.

  1. Welchen Wunsch hast du an Blaupause?

Ich wünsche mir einen guten Austausch und eine gute Zusammenarbeit. Es ist wichtig, dass sich die Organisationen vernetzen, die sich mit psychischer / mentaler Gesundheit bei Mitarbeitenden im Gesundheitswesen beschäftigen und unseren Einfluss dadurch stärken.

Es ist gut, dass Blaupause Missstände im Gesundheitswesen deutlich macht und Möglichkeiten zur individuellen und institutionellen Prävention entwickelt. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass sich nicht alle psychischen Erkrankungen „wegpräventieren“ lassen. Ich würde mir wünschen, dass Blaupause das deutlich macht, damit nicht der Eindruck entsteht, dass nur diejenigen Kolleg*innen erkranken, die zu wenig Prävention betrieben haben.  

DIE ZWÖLFTE – Abschlussfrage

  1. Welchen Rat möchten Sie Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten oder sich in einer entsprechenden Ausbildung befinden, hinsichtlich ihrer eigenen mentalen Gesundheit mit auf den Weg geben?

Nehmt euch selbst ernst! Eure Gesundheit ist genauso wichtig wie die eurer Patient*innen. Sucht euch Hilfe, wenn ihr merkt, dass es euch nicht gut geht. Und sorgt für eine gute Life-Work-Balance. Die Chancen dafür stehen heute gut, da die Arbeitgeber aufgrund des Fachkräftemangels langsam verstehen, dass Arbeitsstrukturen verändert werden müssen. Nutzt diese Chance!

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