Wissen, warum der Körper verrückt spielt – Ernährung und Schlaf als Beispiele

Unsere Autorin ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und studiert Medizin. In diesem Artikel widmet sie sich den wichtigen Themen Ernährung und Schlaf, die besonders im Klinikalltag oft viel zu kurz kommen. 

Zum Thema Ernährung möchte ich zunächst aus eigener Erfahrung meines Arbeitsalltags als Gesundheits- und Krankenpflegerin berichten. 

Erst, seitdem ich nicht mehr im Schichtdienst tätig bin, ist mir richtig bewusst geworden, welche negativen Auswirkungen unregelmäßige Mahlzeiten bedingt durch Schichtdienst, auf den Körper haben. Dies hat weitreichende Folgen wie Gewichtszunahme, aber auch beispielsweise Auswirkung auf die Schlafqualität.  

Bei stressigen Diensten fehlt oft die Zeit, sich ausgewogen zu ernähren, und auch zuhause hat man oft keine Zeit oder Muße, eine Mahlzeit für den nächsten Tag mit einzuplanen. Man geht oft zur Arbeit, ohne überhaupt zuhause etwas gegessen zu haben, weil der Dienst schon um 6:00 Uhr morgens beginnt und man die Zeit lieber in ein paar Minuten länger Schlaf investiert. Sonntags war es bei mir oft so, dass ich nichts mehr im Kühlschrank hatte und deshalb mit leerem Magen zum Spätdienst ging. Die netten Arbeitskolleg*innen oder Patient*innen bzw. deren Angehörige bringen schließlich immer Schokolade oder Kuchen mit, und laden dazu ein, sich neben all dem Stress auch mal etwas zu gönnen. Wird auf Stress mit Belohnung reagiert, entsteht ein Teufelskreis, der uns bei anhaltender (Über-)Belastung auf der Arbeit immer stärker in seinen Bann zieht. Es wird immer schwieriger, sich nicht von einer schnellen Belohnung verleiten zu lassen. Eine Lösung wäre natürlich, solchen Versuchungen ganz aus dem Weg zu gehen, indem man die sogenannte ‚Nervennahrung‘ entweder nicht immer griffbereit hat oder gar nicht erst kauft. Wo andere also lediglich über Stimuluskontrolle vermeiden können, zu viel Fett und/ oder Zucker zu sich zu nehmen, muss man sich, wenn der Kuchen im Dienstzimmer steht, im Hier und Jetzt aktiv für eine gesunde Ernährung entscheiden. 

Eine Publikation von Dr. Alexandra Schek untersucht den „Einfluss der Ernährung auf Depressivität und Stresstoleranz“ (Schek, 2003).  Schek stellt heraus, dass Nahrungsinhaltsstoffe, die in mediterraner Kost besonders häufig sind, bei stressanfälligen und sogar depressiven Personen die Stimmung stabilisieren können. „Es ist anzunehmen, dass eine Erhöhung der Kohlenhydrat- auf Kosten der Protein-Zufuhr die Synthese des Neurotransmitters Serotonin steigert und eine Erhöhung der Omega-3- zu Lasten der Omega-6-Fettsäure-Zufuhr die Synthese pro-inflammatorischer Zytokine vermindert.“ (Schek, 2003, S. 164) Beispielsweise hat eine Studie aus den 90er-Jahren (Young, 1996) gezeigt, dass die Gabe von Tryptophan, einer Aminosäure, die für die Synthese von Serotonin essenziell ist, leichte und mittelschwere Depressionen verbessern kann. Pharmaka jedoch, die das Cholesterin senken, indem sie die Konzentration der Omega-6-Fettsäure im Blut steigern, zeigen gemäß einer Studie von Hibbeln und Salem (1995) einen Zusammenhang mit depressiver Symptomatik. – Dies führt zu einem weiteren Teufelskreis. Denn Schichtdienst, jahrelange Überlastung am Arbeitsplatz sowie ungesunde Ernährung führen – auch bei medizinischem und nicht-medizinischem Gesundheitspersonal – zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und somit zur Indikation cholesterinsenkender Medikamente. 

Welche Lebensmittel jedoch sind neben einer hauptsächlich mediterranen Kost mit Fisch, Olivenöl, etc. bei Stress und/oder Neigung zu Depression geeignet? „Bananen sind zwar vergleichsweise kohlenhydratreich und proteinarm, gesunde Personen könnten aber selbst bei ausschließlichem Bananen-Verzehr kaum mit einer Stimmungsaufhellung rechnen. Gestresste und depressiv veranlagte Menschen dagegen könnten von proteinarmen Snacks in Form von Bananen oder auch Datteln und Feigen profitieren.“ (Schek, 2003, S. 169) Auch ein Vitaminmangel kann zu (neuro-)psychiatrischen, besonders depressiven Symptomen führen. 

Dies wurde für Vitamin D im Zusammenhang mit der Winter-Depression gezeigt. Die tägliche Gabe von 10 µg hat die Stimmung gesunder Proband*innen nicht verbessert, die Stimmung der an Winter-Depression leidender jedoch schon (Landsdowne & Provost, 1998). Auch verschiedene Pilze (Champignons und Steinpilze), Fische (Lachs, Tunfisch, Hering, Aal) sowie Eigelb enthalten Vitamin D. 

Es wird angenommen, dass die serotonerge Neurotransmission durch Modulation des neuronalen Calcium-Metabolismus und der Melatonin-Produktion beeinflusst wird (Landsdowne & Provost, 1998) Auch im Medizinstudium lernt man in den ersten beiden Jahren auf dem Weg zum Physikum, wie wichtig ein ausgeglichener Calcium-Haushalt ist und welche Einflüsse Vitamin D hierbei hat. Störungen in der Calcium-Homöostase sind nachgewiesenermaßen assoziiert mit manisch-depressiven Krankheiten, Herz-Kreislauf-Krankheiten und vielen weiteren.  

Paradoxerweise wurde aus meiner eigenen Erfahrung heraus im Studium darauf plädiert, besonders viel Vitamin D zu sich zunehmen, um den Lernerfolg zu erhöhen, da auch synaptische Prozesse bei der Gedächtnisbildung abhängig von einem entsprechenden Calcium-Spiegel sind. Jedoch bleiben Krankheiten wie bipolare Störungen oder Schizophrenie für Betroffene jahrelang unerkannt, da sie sich meist erst in akuten Stressphasen bemerkbar machen. Auch der Winterblues wird für viele Medizinstudent*innen zum Thema, wenn im Prüfungsstress keine Zeit mehr für einen Spaziergang bleibt und man wochenlang im Keller Bücher durchackert. Dabei konnte ich beobachten, wie viele Kommiliton*innen unter der Sonnenbank waren oder ganz bewusst Vitamin-D-haltige Nahrungsmittel in ihren Speiseplan aufnahmen. Schließlich hat man in dem eng getakteten Stundenplan keine Zeit, sich eine Tageslichtlampe zuzulegen oder gar den*die Hausarzt*Hausärztin aufzusuchen. 

Auch Schlaf spielt eine wichtige Rolle für mentale Gesundheit und steht mit dieser in engem Zusammenhang. Schichtdienst, und 24h-Dienste, Lernen oder Forschen bis spät in die Nacht oder Rufbereitschaft sind im Gesundheitswesen die Regel. 

Der MB-Monitor 2019 stellt fest: „Rund drei Viertel der Befragten (74%) haben das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten sie in ihrer Gesundheit beeinträchtigt, z.B. in Form von Schlafstörungen und häufige Müdigkeit“. (Marburger Bund 2019) 

Bei Medizinstudent*innen mit permanentem Leistungsdruck, täglichem Aufstehen um 6:00 Uhr, Vorlesungen und Seminare an der Uni, dazu die Arbeit als Pflegefachkraft oder Nachtwache, dazu der Sport zum Stressabbau, läuft der Kopf bzw. der ganze Körper ständig auf Hochtouren. Typische Krankheiten durch zu viel Stress betreffen häufig die Schilddrüse oder Nebennieren mit entsprechend verändertem Hormonspiegel. Außerdem hat eine jüngst publizierte Langzeitstudie gezeigt, regelmäßige nächtliche Mahlzeiten positiv mit der Entstehung von Arteriosklerose und damit Herz-Kreislauf-Krankheiten korrelieren (Zhang et al., 2020). 

Der Körper spielt also im wahrsten Sinne des Wortes verrückt. Die Problematik dahinter äußert sich dann auch oft noch durch psychische Auffälligkeit, wie schnelle Reizbarkeit, eine labile Emotionslage bis hin zum sprichwörtlichen ‚Wahnsinn‘. Krankheiten, die die Psyche betreffen, können also durch falsche oder mangelhafte Ernährung sowie ungesunde Schlafgewohnheiten erworben sein. Es ist anzunehmen, dass die psychischen Symptome von vielen falsch interpretiert werden, was zur Stigmatisierung führt und den Betroffenen ein negatives Selbstbild vermittelt. Hierbei ist den meisten oft nicht bewusst, welche körperlichen Prozesse Stress auslösen können und wie diese unsere mentale Gesundheit beeinflussen. Das Wissen hierüber ist oft schon der erste Schritt. 

Die Blogeinträge spiegeln die persönlichen Meinungen und Erfahrungen der Autor*innen wider.
Die Autorin möchte anonym bleiben und ist der Redaktion bekannt.

Literaturangaben:

Hibbeln, J.R. & Salem, N. (1995): Dietary polyunsaturated fatty acids and depression: when cholesterol does not satisfy. Am J Clin Nutrition 62, 1–9. 

Landsdowne, A. T. G. & Provost, S. C. (1998): Vitamin D3 enhances mood in healthy subjects during winter. Psychopharmacol. 135, 319–323. 

Marburger Bund (2019): MB-Monitor 2019. Überlastung führ zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. URL: https://www.marburgerbund.de/mb-monitor-2019 (zuletzt abgerufen: 30.05.2020).  

Schek, A. (2003): Einfluss der Ernährung auf Depressivität und Stresstoleranz. Forum Psychotherapeutische Praxis 3, 163–172. 

Stefańska, E.; Wendołowicz, A.; Konarzewska, B.; Waszkiewicz, N. & Ostrowska, L. (2019): The assessment of satisfaction of energy demand and of chosen macro – and micro-element content in the daily food rations of women diagnosed with schizophrenia with varied nutritional states. Psychiatr. Pol 53, 613–628. 

Young, S. N. (1996). Behavioral effects of dietary neurotransmitter precursors: basic and clinical aspects. Neurosci. Biobehav. Rev., 20, 313–323. 

Zhang, X.; Wu, Y.; Na, M.; Lichtenstein, A. H.; Xing, A.; Chen, S.; et al. (2020): Habitual Night Eating Was Positively Associated With Progress of Arterial Stiffness in Chinese Adults. Journal of the American Heart Association. DOI: 10.1161/JAHA.120.016455. 

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