Sichtbarkeit und Transparenz sind erste wichtige Schritte auf dem Weg zur Entstigmatisierung.

Ein Interview von Annika Benz.

Vorstellung

Melanie Gruber (32) arbeitet als Gesundheits- und Krankenschwester auf einer dermatologischen Station und betreut aufgrund von Stationsschließungen und teilweise hoher Auslastung von Nachbarstationen auch immer wieder fachfremde Patienten. Seit einem knappen ist sie arbeitsunfähig aufgrund einer Posttraumatischen Belastungsstörung und einer Panikstörung, die sich im Laufe des Jahres zu einer generalisierten Angststörung entwickelt hat. Zudem leidet Sie seit mehreren Jahren an einer Bipolar-II-Störung, die sich im vergangenen Jahr mit wiederholten Phasenschwankungen zeigte. Nach mehreren Monaten psychosomatischer Akut- und Rehaklinik bereitet sie aktuell ihre berufliche Wiedereingliederung vor. Nach 11- monatiger Wartezeit erhielt sie kurz vor Veröffentlichung dieses Interviews endlich einen ambulanten Therapieplatz und sieht aktuell zuversichtlich in die Zukunft. Im Laufe ihrer Erkrankung hat Melanie Gruber den Austausch mit anderen Betroffenen zu schätzen gelernt und sich nun bereit erklärt, mit Blaupause über ihre Erfahrungen mit ihrer psychischen Erkrankung, Reaktionen von Kolleg*innen und ihre Vorstellungen von einem idealen Arbeitsplatz zu sprechen. Gerne kann für Interessierte über Blaupause (kontakt@blaupause-gesundheit.de) auch der Kontakt für einen näheren Austausch mit ihr hergestellt werden.  

DIE FÜNF – Einstiegsfragen

  1. Mentale Gesundheit ist für mich …   

ein wichtiges Gut, um das ich mich in den letzten Jahren leider viel zu wenig gesorgt habe. 

  1. Was tun Sie persönlich für Ihre eigene Psychohygiene/um Abstand von Ihrem Berufsalltag zu bekommen?  

Während meiner Klinikaufenthalte habe ich das Malen für mich entdeckt. Zum einen hilft es mir Anspannung abzubauen, zum anderen kann ich durch die Kunst auch gut wichtige Themen verarbeiten. Außerdem versuche ich, in meinen Tagesablauf immer wieder längere Spaziergänge an der frischen Luft einzubauen, mich ausgewogen zu ernähren und auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus zu achten.  

  1. Worin sehen Sie erste „Warnsignale“ beginnender psychischer Probleme bei Kolleg*innen und was tun Sie persönlich, wenn Sie diese bemerken? 

Psychische Erkrankungen sind ja oft auch Folgen von übermäßigem Stress. Der kann sich auf unterschiedliche Weisen bemerkbar machen. Psychosomatische Beschwerden wie Herz-Kreislaufbeschwerden, Schmerzen, Magen-Darmprobleme sowie Schlafstörungen gehen zum Beispiel oft mit Stress einher. Während die einen dann durch übermäßigen Einsatz versuchen, diesen Stressoren, wie z.B. der hohen Arbeitsbelastung standzuhalten, scheinen andere nahezu erdrückt zu werden. Sie ziehen sich zurück, reduzieren Gespräche auf ein Minimum, wirken müde und erschöpft. Überhaupt sind plötzliche auftretende Veränderungen im Verhalten oft ein Warnzeichen. Wenn ich dann das Gefühl habe, eine*r meiner Kolleg*innen ist betroffen, suche ich das Gespräch und frage in einer ruhigen Minute unter vier Augen, wie es ihr*ihm geht. Ich mache auf Verhaltensänderungen, die mir aufgefallen sind, aufmerksam und biete Gesprächsmöglichkeiten an. Dadurch, dass ich selbst betroffen bin und von Anfang an offen mit meiner Erkrankung umgegangen bin, kann ich auch von eigenen Erfahrungen berichten, manchmal falls gewünscht sogar hilfreiche Tipps geben und erste Anlaufstellen nennen, an die man sich wenden kann.   

  1. Was macht es Ihrer Erfahrung nach gerade für Behandelnde/Helfende so schwer, selbst Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen? 

Ich selbst habe für mich gemerkt, dass mein größtes Problem fehlende Achtsamkeit für mich und mein eigenes Befinden war. Ich war stets so darauf bedacht, mich um andere zu kümmern, dass ich mich dabei vollkommen außenvor gelassen habe. Lange Zeit habe ich jegliche Krankheitszeichen wie Schlafstörungen, zunehmende innere Unruhe und Anspannung, Tachykardien und zunehmende Motivationslosigkeit vollkommen außer Acht gelassen. Als ich meine ersten Panikattacken hatte, kam mir zunächst gar nicht der Gedanke, ich könnte psychisch erkrankt sein. Ich war sicher, ich hätte eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Dass ich mich psychisch in den letzten Monaten so schwer verausgabt habe, habe ich einfach nicht erkannt. Ich habe in der Klinik einige Gespräche mit anderen Patienten aus dem Gesundheitsbereich geführt – 1/3 meiner Therapiegruppe kam aus dem Gesundheitsbereich. Viele hatten wie ich auch das Problem, dass alle Aufmerksamkeit stets bei den Patienten lag, man all seine Kraft in die Betreuung der Patienten gelegt hatte und sich selbst dabei auf sträflichste Weise vernachlässigt hat. Ich habe aus den Gesprächen herausgehört, dass viele Angst haben, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen, da sie fürchten, im Team nicht mehr ernst genommen zu werden und auf ihre Erkrankung reduziert zu werden. Das war mit ein Grund, weswegen sie lange gezögert haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich persönlich hatte, als ich dann endlich erkannt hatte, dass ich psychische Probleme habe, kein Problem, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Naja, ich will es umformulieren: Ich hätte kein Problem gehabt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn es denn welche gegeben hätte. Mittlerweile warte ich seit mehr als 10 Monaten auf einen ambulanten Therapieplatz und selbst auf einen Termin beim Psychiater musste ich trotz stark einschränkender Panikattacken fast 2 Monate warten. Auch die Wartezeiten für psychosomatische Kliniken liegen derzeit bei 3-18 Monaten. Hier muss sich unbedingt etwas ändern!  

  1. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um das Thema „psychische Störungen“ besonders bei im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren 

Ich glaube Sichtbarkeit und Transparenz sind erste wichtige Schritte auf dem Weg zur Entstigmatisierung. Ich habe viel positives Feedback in Bezug auf mein „Outing“ bekommen und sowohl im Kollegen- als auch im Freundeskreis sind einige auf mich zu kommen und haben sich mir anvertraut, bereits durch Ähnliches gegangen zu sein. Diese Erkenntnis half mir sehr und gab mir Zuversicht. Ich dachte zu Beginn, ich bin ein Einzelkämpfer. Doch ich habe erkannt ich bin tatsächlich eine unter vielen. Ich bin nicht allein! Ich glaube es ist hilfreich, mit gutem Beispiel voran zu gehen und offen über seine Erkrankung zu reden. Wie sollen andere einen akzeptieren, wenn man es selbst nicht tut? 

„Ich hätte das nie von dir gedacht“ ist etwas, das ich immer wieder zu hören bekomme. Diese Überraschung, dass ich an einer psychischen Erkrankung leide – ich, der man nie etwas angemerkt hat, eine wertgeschätzte Freundin und Kollegin. Und das ist genau das, was wichtig ist zu transportieren. Menschen mit psychiatrischen/psychosomatischen Problemen unterscheiden sich nicht von Menschen mit somatischen Erkrankungen. Wenn ich gut mit Medikamenten eingestellt bin und achtsam mit mir umgehe und mich um einen Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag bemühe, dann kann ich problemlos jahrelang leben, ohne dass auch nur irgendjemand, der nicht gerade in einem sehr engen Verhältnis zu mir steht, ahnen kann, dass ich unter einer psychischen Erkrankung leide. Es kann akut zu einer Krise kommen, die einen Behandlungsbedarf mit sich bringt. Doch das trifft auch auf jede*n Kolleg*in mit somatischen Erkrankungen zu. Der Morbus Crohn Kollege mit einem Ileus, die Diabetikerin mit einer Blutzucker Entgleisung, ein gesunder Kollege, der sich auf dem Weg zur Arbeit seinen Fuß bricht. Der einzige Punkt, in dem sich diese Beispiele unterscheiden, ist die Wartezeit auf eine „Behandlung“. Während der Ileus, die Blutzuckerentgleisung oder der gebrochene Fuß relativ zeitnah behandeln werden, warten Patienten mit psychischen Erkrankungen oft monatelang auf Hilfe. Zeit, in der sich Erkrankungen zunehmend manifestieren und verschlechtern können und das ist das eigentliche Problem! Wenn sich hier etwas ändern würde und Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufgrund schnellerer Hilfe und Unterstützung verkürzt werden können, bin ich sicher, dass mehr Leute den Schritt wagen würden, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. Für mich persönlich ist nämlich nicht meine Erkrankung an sich das Problem, sondern vielmehr die Tatsache, dass mit ihr eine nun schon länger anhaltende Berufsunfähigkeit einhergeht. Und das ist in meinen Augen die größte Sorge der Kolleg*innen. Es geht selten um psychische Belastbarkeit, die ersten Bedenken richten sich immer nach der Fehlzeitdauer!  

Die Frage aus dem Forum

  1. Wie kann ich mit dem Konflikt zwischen eigener Krankmeldung aus Selbstfürsorge und schlechtem Gewissen gegenüber Kollegen, die dann meine Arbeit mit übernehmen müssen, umgehen?  

Das ist eine Frage, mit der ich mich auch viel während meiner Klinikaufenthalte beschäftigt habe. Und hier ging es nicht nur um das eigene Krankmelden, sondern auch ums Einspringen aus dem Frei, wenn andere krank sind. Ich habe regelmäßig meine eigenen Grenzen missachtet und bin eingesprungen, obwohl mir mein Körper auf unterschiedlichen Wegen deutlich gemacht hat, dass ich dringend eine Pause benötige. Ich hatte immer wieder diesen inneren Konflikt, meine Kollegen nicht im Stich lassen zu wollen. Ein erster wichtiger Schritt war hier zu lernen, „Nein“ zu sagen, und dabei bewusst „Ja“ zu mir selbst zu sagen. Wir haben in der Klinik hierzu einige Partnerübungen gemacht, die mir sehr geholfen haben. Ich glaube, für sich selbst zu verinnerlichen, dass Selbstfürsorge wahnsinnig wichtig ist und die eigene Gesundheit absolute Priorität hat, ist ein lang andauernder Prozess, der nicht von heute auf morgen gelingt und den man in kleinen Schritten angehen muss. Jeder Tag, an dem man hierbei JA zu sich selbst sagt, ist ein Schritt in die richtige Richtung.  

Die Fragen zur Expertise

  1. Wie hat Ihr Umfeld, sowohl im Beruflichen als auch im Privaten, auf Ihre psychische Erkrankung reagiert?  

Ich habe das große Glück, sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld von sehr viel Unterstützung profitieren zu können und das auch nach meiner Entscheidung, offen über meine Erkrankung zu sprechen. Besonders der Rückhalt meiner Kolleg*innen bedeutet mir hier sehr viel. Zu keinem Zeitpunkt fühlte ich mich unter Druck gesetzt oder irgendwie ausgeschlossen. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar.  

  1. Gibt es Vorurteile, denen Sie bezüglich Ihrer Erkrankung immer wieder begegnen und welche Reaktion würden Sie sich in solchen Situationen wünschen?  

Ich glaube ein weit verbreitetes „Vorurteil“ ist, dass Menschen mit psychischen Problemen/Erkrankungen nicht über diese sprechen wollen. Das Gegenteil ist der Fall: Ich spreche sehr gerne offen darüber, was mich beschäftigt, wie es mir geht, wie ich mich fühle, was die Panikattacken mit mir machen, was es für mich bedeutet mit einer bipolaren Erkrankung zu leben. Danach zu fragen, ist für mich auch ein Zeichen von Wertschätzung und ehrlichem Interesse an mir als Person. Ich freue mich, meine Erfahrungen teilen zu können. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen wegen meiner langen Arbeitsunfähigkeit. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin habe ich schon vor meiner Panikstörung Menschen mit dieser Erkrankung betreut. Dabei habe ich immer geglaubt, mich in sie hineinversetzen zu können, aber es am eigenen Leib zu spüren, das ist ein ganz anderes Erleben. Alles, was ich mir vorstellte, war nicht ansatzweise so schlimm, wie es sich dann tatsächlich anfühlte. Mir macht niemand Vorwürfe wegen meiner langen Arbeitsunfähigkeit, ich glaube aber wenn mehr Leute gezielter nachfragen würden, wie es mir denn tatsächlich geht und so auch nachvollziehen können, was das Arbeiten so erschwert, könnte ich mein schlechtes Gewissen etwas mehr reduzieren.    

  1. Welche Rolle spielt Ihre Arbeit als Gesundheits- und Krankenschwester für den Verlauf Ihrer psychischen Erkrankung besonders in Bezug auf Ihre psychische Stabilität?  

Ich würde meine Arbeit nicht als Auslöser meiner Erkrankungen bezeichnen, sehe aber sehr wohl Faktoren, die sich negativ auf die Psyche auswirken. Zum einen wäre da der Schichtdienst. Schlaf- und Leistungsstörungen, innere Unruhe und Nervosität, psychosomatische Beschwerden sowie soziale Beeinträchtigungen sind nachgewiesene Folgen von Schichtarbeit. Besonders die Spät- auf Frühwechsel haben mir stark zu schaffen gemacht und meine Schlafstörungen begünstigt. Unregelmäßige Tagesabläufe sowie ein gestörter Tag/Nachtrhythmus fördern die Symptome einer bipolaren Erkrankung ebenso wie es Stress tut. Und Stress haben wir Gesundheits- und Krankenpfleger zur Genüge. Grund hierfür ist eine chronische Unterbesetzung bei zunehmender Arbeitsmenge. Der Blick ist oft so sehr auf die Patienten gerichtet, dass eigene Bedürfnisse weit zurückgestellt werden. Das ist ein riesengroßes Problem. Dazu die große Verantwortung, die wir tragen – wir arbeiten mit Menschen! Und wenn ich personalbedingt mich tagsüber allein um 15 teilweise stark pflegebedürftige Menschen kümmern muss, dann frage ich mich, wo soll ich Abstriche machen, um sowohl den Patienten als auch mir gerecht zu werden?  

  1. Wie würden Sie sich ein ideales Arbeitsumfeld wünschen, das Sie in Ihrer Erkrankung bestmöglich unterstützt?  

Ich profitiere bereits jetzt schon von einem wichtigen Angebot meines Arbeitgebers. Mit die größte Hilfe für mich war die Möglichkeit, das psychotherapeutische Betriebssprechstundenangebot der Uniklinik Ulm in Anspruch nehmen zu können. Mein Arbeitgeber hat hier bei der Vermittlung eines Termins bei unserer Betriebspsychologin geholfen und 4 Stunden bei ihr finanziert. Da ich weiterhin keinen ambulanten Therapieplatz habe, hat man es mir möglich gemacht, auch weiterhin unsere Betriebspsychologin über die allgemeine Ambulanz besuchen zu können. Mir steht hier zwar nur alle 4-6 Wochen ein Termin zur Verfügung, aber das ist schon mal besser als gar nichts. Ein gut geführtes und vor allem organisiertes betriebliches Gesundheitsmanagement ist in meinen Augen eine sinnvolle Investition für jeden Arbeitgeber. Dazu gehören für mich neben der Psychotherapeutischen Betriebssprechstunde auch weitere Angebote, die die Psychohygiene eines jeden einzelnen aber auch die des Teams fördern. Regelmäßige Balintgruppen oder Supervisionen könnten ein Beispiel hierfür sein. Sportangebote, Vergünstigungen in Fitnessclubs, Rückenschulungen, Yogakurse … – ein gesunder Körper unterstützt auch immer eine gesunde Seele. Eine große Hilfe wäre auch weg von den starren Arbeitszeitmodellen zu kommen und hier ein bisschen mehr auf die einzelnen Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen zu können. Wir benötigen mehr Personal, mehr Zeit für Patienten, weniger Bürokratie. Es gibt ein Fachkräftemangel – ja, doch man kann auch einige der Arbeiten abgeben, soweit es der Zustand des Patienten zulässt. Essenaus- und eingabe, Betten machen, jemanden einstellen, der einfach nur ans Telefon geht, mindestens die Hälfte der Anrufe landen an der falschen Stelle, immer wieder wird die Arbeit durchs Telefon unterbrochen, das ist schrecklich.  

  1. Aufgrund Ihrer Erkrankung haben Sie bereits eigene Erfahrungen in psychosomatischen Akut- und Rehakliniken gesammelt. Erleben Sie aufgrund Ihres eigenen Berufs einen Rollenkonflikt zwischen Ihrer Rolle als Pflegekraft und Ihrer Rolle als Patientin?  

Es war für mich eine große Herausforderung, mich in der Klinik auf meine Patientenrolle einzulassen. Das fiel mir besonders in der Anfangszeit sehr schwer. Ich hatte einige Krisen und hätte von pflegerischer Hilfe teilweise wirklich profitieren können. Wollte aber, weil ich ja aus eigener Erfahrung weiß, wie hoch die Arbeitsbelastungen mittlerweile ist und dass auch im psychosomatischen Bereich die Personalschlüssel schlecht sind, niemandem zur Last fallen. Ich habe deshalb meine Krisen oft bis zu meinen nächsten Therapiestunden ausgehalten. Ich erinnere mich an eine Nacht, da bin ich ausnahmsweise mal nicht aufgrund von Schlafstörungen, sondern aufgrund von Fieber wach geworden. Mein Bett war klatschnass geschwitzt und ich habe es nicht übers Herz gebracht, nach der Schwester zu klingeln. Es kam mir vor wie eine Lappalie. Ich habe geduscht, ein trockenes Handtuch über das nasse Bettzeug gelegt und weitergeschlafen. Als Krankenschwester wäre es für mich absolut kein Problem gewesen, wenn mich ein Patient nachts in sein Zimmer ruft, um frische Bettwäsche und gegebenenfalls ein fiebersenkendes Medikament zu bringen. Als Patient hatte ich irgendwie das Gefühl, ich müsse meine Bedürfnisse zurückschrauben, weil ich ja die Zustände in den Krankenhäusern kenne und die Pflege nicht zusätzlich belasten wollte. Dieses Gefühl entstand aber natürlich ganz allein in meinem Kopf, ich wurde auch mehrmals darauf angesprochen, aktiver um Hilfe zu bitten. Damit hatte ich bis zum Schluss große Probleme.  

DIE ZWÖLFTE – Abschlussfrage 

  1. Welchen Rat möchten Sie Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten oder sich in einer entsprechenden Ausbildung befinden, hinsichtlich ihrer eigenen mentalen Gesundheit mit auf den Weg geben?  

Ich habe meine eigenen Bedürfnisse sträflichst missachtet und musste eine teure Rechnung dafür bezahlen. Daher mein Aufruf an alle Kolleg*innen aus dem Gesundheitssystem: Achtet auf euch! Nehmt euch immer mal wieder einen Moment für euch, horcht in euch rein: Wie geht es mir? Schlafe ich ausreichend? Schlafe ich gut? Kümmere ich mich ausreichend um meine sozialen Kontakte? Bin ich noch ausgeglichen? Achtet auf eure ersten Warnsignale und wenn diese da sind, ignoriert sie nicht. Wartet nicht, bis der laute Knall kommt. Sucht euch rechtzeitig Hilfe! Wartezeiten für Therapieplätze sind extrem lang. Manchmal kann eine psychologische Beratungsstelle helfen, die haben deutlich kürzere Wartelisten. Sprecht mit nahen Verwandten oder Kolleg*innen über eure Probleme. Scheut euch nicht Hilfe anzunehmen. Und vergesst nie: Ihr seid nicht allein!  

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