Psychologie studieren mit psychischen Problemen

 


Julia Faulhammer schreibt auf ihrem Blog (https://www.bluetenstille.com/) zu Themen wie psychischer Erkrankung und Stigmatisierung. Sie möchte Fehlinformationen entgegenwirken und über Aufklärung einen offeneren Umgang mit dem Thema Psyche fördern. Für Blaupause hat sie nun einen Gastartikel verfasst.

Die Blogeinträge spiegeln die persönlichen Meinungen und Erfahrungen der Autoren wider.

 

„Alle Psychologen haben doch selber einen Knacks in der Birne!“ Es ist erstaunlich, was man so alles zu hören bekommt, wenn man erzählt, dass man Psychologie studiert. Dieser Satz landet tatsächlich unter meinen persönlichen Top 3, neben „Wow, das würde ich ja auch gerne mal machen!“ (Als wäre es ein nettes Hobby) und „Das ist ein wirklich wichtiges Fach, heutzutage hat ja irgendwie jeder was Psychisches.“ (Ich weiß nicht, ob ich daraufhin erklären soll, dass tatsächlich jeder Mensch eine Psyche hat, finde das dann aber immer ein bisschen besserwisserisch).

Also, hier die Frage: Hat wirklich jeder Psychologiestudent eine vor der Scheibe? Haben wir die nicht alle? Dürfen Menschen mit psychischen Erkrankungen Psychologie studieren, vielleicht sogar danach eine Therapeutenausbildung machen und, Gott bewahre, andere behandeln? Gegenfrage: Darf ein Medizinstudent Diabetes haben? Darf eine Erzieherin Kinder haben? Darf ein Bauarbeiter ein eigenes Haus haben?

Fangen wir also ganz vorne an: Psychische Erkrankungen gehen, zumindest akut, immer mit Einschränkungen und einem Leidensdruck einher. Der oder die Betroffene ist krank. Gut. Psychische Erkrankungen können dabei je nach Form und Schwere der Symptome auch ungut für andere Menschen werden, zum Beispiel, wenn eine Person im akuten Wahn auf Polizisten losgeht. Das kann passieren.

Gehen wir aber noch einen Schritt weiter: Die meisten psychischen Erkrankungen gehen nicht mit einer Gefährdung von anderen einher. Die meisten psychisch Kranken sind also absolut harmlos. Und: Psychische Erkrankungen sind im Regelfall sehr gut behandelbar. Manche munkeln, einzelne Fälle seien sogar heilbar. Wenn ich also von einer Erkrankung geheilt wurde oder gelernt habe, gut und konstruktiv mit ihr umzugehen – wieso sollte ich mich in meinem weiteren Leben mehr davon einschränken lassen, als es ohnehin schon der Fall ist?

Für alle, die es nicht wissen: Im Psychologiestudium lerne ich kaum etwas über psychische Erkrankungen. Ich selbst hatte zwei Semester lang jeweils eine Vorlesung und ein Seminar zu dem Bereich. Welche Fächer hatte ich sonst so in meinem bisherigen Studium? Festhalten, die Liste wird lang:

Entwicklungspsychologie (2 Semester), Pädagogische Psychologie (2 Semester), Persönlichkeitspsychologie (1 Semester), Kognitionspsychologie (2 Semester), Biopsychologie (1 Semester), Emotions- und Motivationspsychologie (2 Semester), Evolutionspsychologie (1 Semester), Sozialpsychologie (2 Semester), Arbeitspsychologie (1 Semester), Organisationspsychologie (1 Semester), Diagnostik (2 Semester), Statistik (2 Semester), Mathe (1 Semester), Forschungspraktika (2 Semester)

Worauf will ich damit hinaus? Ein Psychologiestudium dreht sich um die komplette Komplexität der menschlichen und frühmenschlichen Psyche. Dass die aus mehr als Erkrankungen besteht, sollte hinreichend bekannt sein. So habe ich unter anderem gelernt, wie Teams am effektivsten arbeiten, wie Arbeitsplätze gestaltet sein sollten, warum Menschen demonstrieren und warum Langeweile uns in unserer Entwicklung weitergebracht hat.

„Ja, das ist ja schön und gut, aber behandelt werden will ich nicht von einem Bekloppten!“ Das richtet sich vermutlich an all die Studenten, die psychische Probleme haben und später eine Therapeutenausbildung anstreben. Auch darauf habe ich eine klare Antwort.

Wenn ein Mensch früh in seine eigenen tiefsten Abgründe blickte und den Umgang damit gelernt hat – wieso sollte er seine Erfahrungen nicht weitergeben dürfen? Ich kenne inzwischen ein paar Psychologiestudenten mit verschiedensten psychischen Erkrankungen, die in zahlreichen Praktika bewiesen haben, wie einfühlsam sie auf Patienten zugehen können. Dabei ist ihnen absolut bewusst, dass die Person gegenüber ganz anders leidet als sie selbst. Jeder Fall ist individuell und muss auch so behandelt werden. Aber psychisch Kranke haben einen ganz anderen Draht zu Betroffenen, ich will sagen, Gleichgesinnten. Bei uns können die Patienten sich sicher sein, dass wir sie für nichts verurteilen oder in eine Schublade stecken. Alle Gedanken dürfen sein, alle Gefühle ausgesprochen werden – weil wir verstehen.

Was aber ist die Voraussetzung hierfür? Ganz klar muss der Betroffene, der eine Therapeutenausbildung anstrebt, selbst stabil sein. Es bringt dem Patienten nichts, wenn er das Gegenüber mit seiner Geschichte retraumatisiert oder wenn der Behandler die eigenen Probleme auf den Klienten projiziert. Deshalb sollte der psychisch kranke Psychologiestudent selbst eine Therapie gemacht und den Umgang mit den eigenen Dämonen erlernt haben. Nur, wenn er stabil ist, kann der Patient es werden. Ich selbst saß mal bei einer Therapeutin, die ganz klar selbst psychische Probleme hatte. Die Stunden sahen so aus, dass sie mir ihr Leid klagte und mir vorschrieb, wie ich mit meiner Erkrankung umgehen sollte – dabei gab sie sich eigentlich nur selbst Tipps. Das bringt niemandem etwas.

Deshalb sollte sich jeder Student, der eine Therapeutenausbildung anstrebt, klar und objektiv reflektieren, ob er dazu bereit ist. Ich zum Beispiel bin es nicht. Also habe ich die Idee über den Haufen geworfen. Ist das jetzt schlimm? Nö, mit dem Studium kann ich noch viele andere tolle Berufe anstreben. Denn ein Psychologiestudium verpflichtet nicht dazu, später mal Patienten zu behandeln. Im Moment würde ich gerne in die Beratung gehen – am liebsten von Studenten, die selbst psychische Probleme haben. Da kann ich gut helfen. Da kenne ich mich aus.

Haben alle Psychologen selbst einen Knall? Keine Ahnung. Ich kenne sie nicht alle und man kann den Leuten nicht in den Kopf schauen. Was ich aber sagen kann: Die meisten Therapeuten, bei denen ich bisher war, wirkten recht stabil und geklärt. Und das ist es eigentlich, worum es geht. Es gibt gute Behandler und es gibt schlechte. Manche von beiden Seiten haben vermutlich selbst mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen. Das ist normal. Kein Berufsbereich ist geschützt vor der Entwicklung einer psychischen Problematik. Gerade in Gesundheitsberufen, wo eng mit Menschen und Schicksalen zusammengearbeitet wird, kann es passieren, dass man selbst einmal Hilfe braucht. Und das ist absolut okay.

Die menschliche Psyche ist genauso wie der menschliche Körper angreifbar. Niemand ist geschützt vor Krankheiten, in welcher Form auch immer. Wichtig ist es nur, sich Hilfe zu holen und behandeln zu lassen. Wer sich auf Arbeit einen Finger bricht, geht doch auch zum Arzt, oder? Wieso also nicht, wenn die Psyche angeknackst ist? Das hat auch etwas mit Verantwortung gegenüber dem Patienten zu tun. Nur, wenn ich gesund bin, kann ich den mir Anvertrauten helfen.

Ich studiere gerne Psychologie. Ich liebe es, mich mit den tiefsten Gefühlen und scheinbar unlogischsten Verhaltensweisen des Menschen auseinanderzusetzen. Ich liebe es, über kognitive Dissonanz und Victim Blaming zu sprechen. Einfach, weil das sehr wichtige Sachverhalte sind. So wie psychische Erkrankungen, über die ich gerne aufkläre. Denn sie gehören zum Leben dazu. Sie gehören zur Seele dazu. Und sie gehören zu Studenten dazu. Man schätzt, dass etwa jeder sechste Student unter psychischen Problemen leidet[1]. Darunter sind vermutlich auch einige Psychologiestudenten. So oder so müssen wir uns aber um alle kümmern. Denn jeder hat das Recht, behandelt zu werden. Und niemand sollte sich dafür schämen müssen.

[1]BARMER Arztreport 2018

9 Gedanken zu „Psychologie studieren mit psychischen Problemen

  1. Fernanda Antworten

    Hey Julia 🙂

    Ein super Beitrag zu einem spannenden Thema. Ich würde mich auf mehr Artikel von dir freuen. Und wie sind denn eigentlich die Rückmeldungen deiner Gesprächspartner, wenn du so argumentierst wie hier?

    Liebe Grüße

    Fernanda

    • Julia (Blütenstille) Antworten

      Hallo Fernanda!

      Vielen Dank für deine lieben Worte :). Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Meine Freunde haben durchweg interessiert reagiert und viele Fragen gestellt. Manche wissen auch nicht, was sie sagen sollen und werden nervös. Aber was mir ganz oft passiert, ist, dass die Leute eigene Geschichten erzählen, von ihren Erkrankungen oder von denen ihrer Angehörigen. Die Arzthelferin meines HNO-Arztes zum Beispiel hat eine Tochter mit Anorexie. Wir unterstützen uns gegenseitig. Nur, wenn wir offen sprechen, merken wir, dass wir nicht alleine sind.

      Ganz liebe Grüße!
      Julia

  2. Lisa Antworten

    Hallo Julia,

    Ein sehr schöner und interessanter Beitrag! Ich studiere selbst Psychologie und habe währenddessen unter psychischen Problemen gelitten, kann mich also sehr gut den das Geschriebene hineinversetzen. Du hast das echt gut zusammengefasst mit den Vorurteilen usw. Hat richtig Spaß gebracht zu lesen!

    Liebe Grüße und viel Erfolg weiter beim Studium (falls du es noch nicht abgeschlossen hast).

    • Julia (Blütenstille) Antworten

      Hallo Lisa!

      vielen Dank für deine lieben Worte! Ich wünsche dir auch Alles Gute für dein Studium und dass du immer jemanden hast, an den du dich wenden kannst.

      Liebe Grüße,
      Julia

  3. Florence Antworten

    Hi Julia, vielen Dank für den tollen Beitrag! Deine offenen und klaren Worte tüfteln sehr gut das auseinander, was sonst an “Nebelbildern” Vorurteile und Ablehnung hervorruft. Sicherlich können gerade Studierende in Gesundheits- und Sozialberufen mit klinischer Ausrichtung Mut in diesem Beitrag finden. Liebe Grüße!

    • Julia (Blütenstille) Antworten

      Hallo Florence!

      Wow, danke für das Kompliment! Gerade im Gesundheitsbereich wird ja wie gesagt noch viel zu wenig über dieses Thema gesprochen, auch aus Angst vor Ablehnung. Es liegt an uns, das zu ändern :).

      Liebe Grüße,
      Julia

  4. Gast 1959 Antworten

    Danke für diesen sachlichen Beitrag. Man denkt ja oft,man muss es alleine stemmen,weil alle zu tun haben und man eigentlich auch weiss,wie es gehen sollte…..

  5. Elke Antworten

    Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Beitrag. Es gibt eindeutig behandelbare psychische Erkrankungen eines Psychotherapeuten, die, wenn geheilt oder auch in Remission befindlich, den Zugang zu Patienten keinesfalls erschweren. Sie können sogar im Einzelfall gute Behandlungskonzepte erleichtern.
    Wichtig ist alleine, wie verantwortungsbewusst der Einzelne mit seinen Störungen umgeht.

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