Nur wenn Ärzt*innen sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, können sie auch Vorbilder für Patient*innen sein.

– “5 vor 12” mit Dr. med. Tina Petersen –

Die Fragen stammen von Eva Kuhn.

Kurze Vorstellung der Interviewten 

Blaupause hat sich mit Christina Petersen über Entstigmatisierung und Arztgesundheit unterhalten Die 33-Jährige ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Ärztin für traditionell chinesische Medizin (TCM). Ihre Berufung ist es, möglichst vielen Menschen beizubringen, die Signale des eigenen Körpers wieder wahrzunehmen. Anstatt gegen den Körper anzukämpfen, ist es notwendig auf den Körper zu hören und mit ihm zusammen zu arbeiten.

Christina Petersen arbeitet in einer allgemeinmedizinischen Praxis sowie in einer Privatpraxis, in der der Schwerpunkt auf Akupunktur nach TCM liegt. In ihrem Podcast geht es um Arztgesundheit sowie die Verbindung von Schulmedizin und Komplementärmedizin. Ihre Aufgabe im Gesundheitswesen sieht sie unter anderem in der Aufklärung, Vernetzung und Kommunikation.

DIE FÜNF – Einstiegsfragen:

  1. Mentale Gesundheit ist für mich …

… die Grundsubstanz. Die körperliche Gesundheit folgt der mentalen Gesundheit.

  1. Was tun Sie persönlich für Ihre eigene Psychohygiene/ um Abstand von Ihrem Berufsalltag zu bekommen?

Ich gehe in die Natur, mache regelmäßige Pausen und ich hinterfrage meine Gedanken.

  1. Worin sehen Sie erste „Warnsignale“ beginnender psychischer Probleme bei Kolleg*innen und was tun Sie persönlich, wenn Sie diese bemerken?

Anhaltende Stimmungsschwankungen, Rückzug und Verschwiegenheit.Ich beobachte das eine Weile, bevor ich den Kollegen/die Kollegin dann in einer ruhigen Minute in ein Gespräch verwickele. Meist erzähle ich dann erst was von mir, damit es nicht wie ein Kreuzverhör klingt.

  1. Was macht es Ihrer Erfahrung nach gerade für Behandelnde/Helfende so schwer, selbst Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen?

Menschen, die in helfenden Berufen tätig sind, haben häufig besondere Persönlichkeitsmerkmale: hoher Selbstanspruch, Perfektionismus, mangelnde Selbstwahrnehmung und hohe Leidensbereitschaft. Daher besteht oft das Problem der fehlenden Selbstfürsorge und die Betroffenen kommen erst ins Handeln, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Außerdem hält sich weiterhin das Klischee vom unverwundbaren Helfer aufrecht, was dazu führt, dass das Zeigen der eigenen Schwäche vermieden wird. Letztendlich wissen wir Mediziner gar nicht, wie wir mit uns selbst umgehen sollen, weil wir es nicht gelernt haben.

  1. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um das Thema „psychische Störungen“ besonders bei im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren?

Es müsste auf jeden Fall mehr und offen darüber gesprochen werden.

Ich habe den ersten Schritt gemacht und meine persönlichen Erfahrungen in meinem Podcast „Healthy Docs“ offen geteilt – obwohl es mir am Anfang unangenehm war. So hoffe ich, dass ich damit auch andere Menschen inspiriere, sich zu öffnen und in den Austausch zu kommen.Das ist der allererste Schritt. Und dadurch bricht es dieses Tabu, denn wir alle sind Menschen. Jeder Mensch ist mal krank und jeder Mensch hat auch mal Probleme.Weiterhin wünsche ich mir Angebote für Ärzte und für Krankenschwestern, um Hilfe anzunehmen. Gerade bei diesem psychisch so anspruchsvollen Berufsbild ist es wichtig, die aufkommenden Extremsituationen (Auseinandersetzungen mit lebensbedrohenden Erkrankungen oder Tod) seelisch aufzuarbeiten.

Die Frage aus dem Forum:

  1. Sie sind Allgemeinmedizinerin. Eine Überweisung zu dem*der Psychiater*in kann von vielen Patient*innen immer noch als Stigmatisierung oder Vertrauensbruch wahrgenommen werden. Was würden Sie gerade jungen Ärzt*innen für solche Situationen raten?

Hier spielt mal wieder die Kommunikation eine entscheidende Rolle. Wichtig ist, dass der Patient sich abgeholt und verstanden fühlt. Das gelingt mir ganz gut, indem ich die Ganzheitlichkeit erkläre – Körper, Geist und Seele sind eine Einheit. Ich betrachte nie nur das Körperliche oder das Seelische. Alles hängt miteinander zusammen. Das verstehen die Patienten und können sich dann öffnen.

Die Fragen zur Expertise:

  1. Sie betreiben die Website intuitiv-gesund.de. Wie sind Sie auf die Idee hierzu gekommen und was sind Ihre Ziele?

Die Idee zu intuitiv-gesund ist im Rahmen der Arbeit an meinem Buch entstanden.

Und zwar ist mir schon zuvor immer wieder aufgefallen, dass wir Menschen immer weniger auf unsere Intuition hören. Wir folgen allen möglichen Regeln und Dingen, die uns von außen gesagt werden, und vergessen unsere eigene Stimme. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder selbst am besten weiß, was ihm guttut. Jeder Mensch ist anders und hat seine eigenen individuellen Bedürfnisse und Schwachstellen. Viele Menschen wissen aber nicht mehr, wie sie in Kontakt mit ihrer inneren Stimme kommen. Dazu ist es wichtig, zur Ruhe zu kommen und wirklich zuzuhören, anstatt sich mit Dingen im Außen abzulenken. Die Signale des Körpers werden teilweise richtig überhört, weil wir gelernt haben, aufkommende unerwünschte Signale mit Gegenmaßnahmen wie Tabletten zu unterdrücken. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass jedes Körpersignal seinen Sinn hat und dass wir auch mal durch „unschöne“ Zeiten gehen dürfen, immer im Vertrauen, dass solche Prozesse dazugehören. Da kann man die Natur als Vorbild heranziehen: Auch hier gibt es Jahreszeiten –  und nach jedem Winter kommt auch wieder ein Sommer.Ich wünsche mir, dass die inneren Signale nicht unterdrückt, sondern dass ihnen zugehört wird. Denn nur so lernt jeder seinem eigenen Körper zu vertrauen und wieder in Kontakt mit der eigenen Intuition zu kommen.

  1. Ein Schwerpunkt Ihrer Podcasts ist das Thema Arztgesundheit. Welche Faktoren wirken auf die ‘Arztgesundheit’, oder weiter gefasst, auf die Gesundheit von Gesundheitsberufler*innen ein?

Das ist einmal die psychische Herausforderung, von der wir vorhin schon gesprochen haben. Wir haben tagtäglich mit belastenden Krankheitsbildern zu tun, gerade Notärzte sehen viel Leid, was erstmal seelisch verarbeitet werden muss. Das braucht Zeit. Wir Menschen sind keine Maschinen, die immer wie gewohnt funktionieren.Noch nie war die Medizin so hochtechnisiert – gleichzeitig wächst der Krankenstand zunehmend (woran das liegt, können wir gerne beim nächsten Interview sprechen).Beim bestehenden Fachkräftemangel nimmt die Arbeitsbelastung ständig zu.Statt einer ruhigen Atomsphäre, herrscht im Krankenhaus eine stressige Stimmung, die sich auf die Gesundheit der Ärzte und der Patienten auswirktBürokratiemassen, zunehmender Kostendruck, mangelnde Wertschätzung und mangelnde Kontrolle (Vorgaben durch die Politik) führen bei vielen Ärzten zu einem Gefühl der Sinnlosigkeit. Der Idealismus und die Leidenschaft, weswegen sie angetreten sind, sind erloschen. Die Fremdbestimmtheit führt zu einem Gefühl der inneren Leere.

  1. Studien zeigen immer wieder deutlich die hohe psychische Fehlbelastung von Ärzt*innen, Pflegekräften, psychologischen Psychotherapeut*innen usw. auf. Warum hat dies noch nicht die breite Öffentlichkeit erreicht?

Weil darüber nicht gesprochen wird. In den Medien erscheint die Problematik nur bruchstückhaft. Die Ärzte und das medizinische Personal versuchen aus ihrem Idealismus heraus das sinkende Schiff über Wasser zu halten. Es besteht eine hohe Bereitschaft, sich aufzuopfern, um anderen zu helfen. Das wird in gewisser Art und Weise vom System ausgenutzt. Dieses Modell funktioniert so gut, weil es schon ewig so gelaufen ist. Viele Ärzte sind so loyal und kollegial, dass sie auch ihre Kollegen nicht im Stich lassen möchte und deshalb weiter funktionieren.

  1. Was nehmen Sie als Ärztin von der Beschäftigung mit dem Thema Arztgesundheit für sich selbst mit?

Ich habe mich selbst eine Zeit lang angepasst und so gelebt wie viele Ärzte – keine Pausen gemacht, funktioniert und meine eigenen Bedürfnisse unterdrückt, um anderen zu helfen, und zwar 24 Stunden lang – mit dem Ergebnis, dass ich selbst unter Migräne, Energielosigkeit und Stimmungsschwankungen litt. Seit ich aufgewacht bin, Selbstverantwortung übernommen habe, für mich und meine Bedürfnisse sorge, geht’s mir so viel besser. Die Migräne ist verschwunden, ich habe Energie und mein Leben ist so viel gesünder als vorher. Ich verausgabe mich nicht mehr so stark und gucke auf meine eigenen Bedürfnisse. Denn nur wenn Ärzte sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, können sie Vorbilder sein und es den Patienten beibringen. Wer schonmal geflogen ist, kennt den Satz, dass man sich zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzt und dann anderen helfen kann. Dadurch, dass ich meinen Focus auf die Dinge lenke, die ich erschaffen möchte, ermöglichen sich ganz neue Perspektiven.Ich gehe als Vorbild voran, setze mich für das Thema Gesundheit ein und lerne ständig dazu: Ich lerne tolle Ärzte kennen, die es anders machen und vernetze mich. Meine Leidenschaft ist zurück gekehrt.

  1. Wie sieht für Sie ein idealer Arbeitsplatz in unserem Gesundheitswesen aus?

Ein Krankenhaus der Zukunft könnte ich mir zum Beispiel so vorstellen, dass in der Notaufnahme nur Patienten sitzen, die auch wirklich Notfälle sind. Heutzutage sind die Notaufnahmen verstopft, weil so viele Menschen total verunsichert sind und sich nicht mit ihrem Körper auskennen. Sie sind durch die Horrorgeschichten in den Medien oder bei Google geängstigt und gehen dementsprechend schnell in die Notaufnahme. Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder lernen, auf ihren Körper zu hören, die eigenen Signale wahrzunehmen und dann unabhängig von Ärzten wissen, wie sie mit ihrem Körper umgehen können. Dafür setzte ich mich ein. Dazu habe ich ein Buch geschrieben: „Intuitiv gesund- Werde dein eigener innerer Arzt“ und gehe auch im Podcast auf diese Themen ein. In Zukunft werden noch mehr Angebote dazu entstehen.Wenn in der Notaufnahme nur die wirklichen Notfälle sitzen, kommen die Ärzte auch zu ihrem Idealismus zurück und die Stimmung im Krankenhaus wird positiv.Deswegen sieht für mich ein optimales Krankenhaus der Zukunft so aus, dass die Notaufnahme frei ist für Notfälle, dass die Ärzte gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie auf ihre Bedürfnisse achten, dass sie regelmäßig Pausen machen, und dass sie den Patienten auch beibringen, genauso auf ihren Körper zu achten.

DIE ZWÖLFTE – Abschlussfrage

  1. Welchen Rat möchten Sie Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten oder sich in einer entsprechenden Ausbildung befinden, hinsichtlich ihrer eigenen mentalen Gesundheit mit auf den Weg geben?

Ich würde ihnen auf den Weg geben, dass sie sich überhaupt erst einmal mit der mentalen Gesundheit befassen. Ich habe das nicht in der Ausbildung gelernt.Viele wissen ja gar nicht, dass die Gesundheit im Kopf beginnt und dass wir durch unsere Gedanken und unseren Glauben die Außenwelt steuern.Viele sind in so einem negativen Gedankenkarussell und beeinflussen damit ihre Gesundheit in die negative Richtung. Wer immer nur über Krankheiten nachdenkt, die Nebenwirkungen durchgeht und sich die Horrorszenarien vorstellt, entwickelt sich auch in diese Richtung.Ich würde mir wünschen, dass ein Umdenken stattfindet, dass mehr über Gesundheit gesprochen wird, mehr darüber gesprochen wird, was man tun kann, um wieder gesund zu werden, was man tun kann und der Focus auf den positiven Dingen sitzt.Ich wünsche mir von allen, dass sie wieder darauf gucken, was ihnen Freude macht, worauf sie Lust haben, wo ihr Potential begraben liegt, wo sie ihre Leidenschaft haben. Momentan läuft es so, dass viele das tun, wozu sie eigentlich gar keine Lust haben, dabei schlechte Laune haben, in Gedanken bei Krankheit sind und dabei diese negative Seite bedienen und sich in einem Hamsterrad befinden. Ich setze mich dafür ein, dass Menschen aufwachen und sehen, was sie alles selbst tun können, indem sie die Gedanken ändern und sich wieder mit Dingen befassen, die ihnen persönlich Spaß machen. Dass sie sich trauen und es sich wert sind, ihrer eigenen Erfüllung zu folgen. Dann entsteht Gesundheit.

Ein Gedanke zu „Nur wenn Ärzt*innen sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, können sie auch Vorbilder für Patient*innen sein.

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