Es ist normal, Hilfe zu suchen!

Ein Interview von Anna Werning

Vorstellung

Melanie Pohle (40 Jahre) ist seit fünf Jahren Ergotherapeutin in einer sozialpsychiatrischen Tagesstätte. Sie hat selbst Erfahrungen mit einer psychischen Erkrankung und gibt bei 5vor12 einen Einblick in ihre Erfahrungen mit dieser Doppelrolle.

DIE FÜNF – Einstiegsfragen:

  1. Mentale Gesundheit ist für mich …

nicht nur ein Jetzt-Zustand, sondern eher ein Prozess, immer wieder herauszufinden, was mir guttut. Über die letzten Jahre merke ich auch, dass dies in verschiedenen Lebensabschnitten unterschiedlich sein kann. Das macht es spannend, aber auch ziemlich anstrengend, sich immer wieder auf die Suche zu begeben.

  1. Was tun Sie persönlich für Ihre eigene Psychohygiene?

Aktivitäten, die ich im Alltag mache, sind meistens sehr ruhig: zum Beispiel spazieren gehen, die Natur beobachten, Musik hören, mein Motorrad putzen oder einfach nur im Garten sitzen. Da brauche ich immer eine gewisse Zeit, um meinen eigenen Rhythmus wieder zu finden. Über das Jahr verteilt gibt es manchmal auch ein paar Aktivitäten, bei denen ich merke, dass ich ein bisschen meine Grenzen spüren möchte: Durchs Klettern in den Bergen oder mehrtägige Wanderungen. Oder vielleicht einfach mal eine Nacht draußen schlafen, also Zeit in der Natur verbringen. Dabei komme ich in meinen eigenen Rhythmus, merke aber auch, wenn ich zum Beispiel beim Klettern erschöpft bin, dass ich die Erfahrung der Grenze brauche.

  1. Worin sehen Sie erste „Warnsignale“ beginnender psychischer Probleme bei Kolleg*innen und was tun Sie persönlich, wenn Sie diese bemerken?

Mir ist es wichtig zu signalisieren, dass Hilfesuchen normal ist, egal wie alt die Kollegen sind. Vor allem junge Kollegen, Ehrenamtler oder Praktikanten gegenüber finde ich es wichtig, da diese Menschen noch in einem beruflichen Findungsprozess sind. Umgekehrt kann es auch für ältere Kollegen hilfreich sein, das Hilfesuchen zu normalisieren. Auch wenn sie vielleicht andere Bewältigungsstrategien gewohnt sind.

Spezielle Warnsignale auszumachen finde ich schwierig, weil man die Menschen sehr gut kennen muss. Ich glaube, das ist eine kleine Reise zu schauen, was das für jeden Einzelnen bedeutet. Ich denke, wenn psychischer Stress lange anhält und weit über die normale Reaktion von z.B. Trauer bei einem Todesfall oder Gereiztheit während einer Umzugsphase hinausgeht, könnten dies Warnsignale sein.

  1. Was macht es Ihrer Erfahrung nach gerade für Helfende so schwer, selbst Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen?

Darüber habe ich ganz lange nachgedacht. Ich selbst habe sehr wenig Kontakt zu Ärzten in der Sozialpsychiatrie. Ich kann gar nicht sagen, ob für meinen Bereich die Menschen eher später oder weniger Hilfe suchen, wenn sie erkrankt sind.

Zumindest aber merke ich durch meine Ergotherapie-Ausbildung und zuvor mein Studium, dass eine Professionalisierung stattfindet, in dem Sinne, dass man im Beruf in gelernten Strukturen denkt. Also – im Sinne von professional reasoning, was man alles abklappert im Kopf, welche Teilbereiche der Behandlung für den Klienten dazugehören, das heißt: die biografische Geschichte, welche Erkrankung ist das eigentlich, wie denkt er selbst über die Erkrankung, welche Bedingungen habe ich im Arbeitsumfeld. Ich glaube, dass es einfach im Beruf zur Gewohnheit wird, dass man von sich auf den anderen denkt, also auf den Klienten schaut. Wenn man geschult wird, so zu denken – was ja auch unbestreitbar funktioniert, dann kommt man nicht so sehr auf die Idee, sich selbst auch so zu sehen. Die angelernten Denkstrukturen helfen nicht dabei, sich selbst auch so zu analysieren. Mehrdimensional guckt man auf den Klienten, seine Lebenswelt, und die Erkrankung ist ein Teil davon. Und ich glaube, der Schritt, sich selbst so zu sehen, ist einfach zu groß oder gehört einfach nicht zum Arbeitsalltag. Vielleicht ist das eine Hürde, ein blinder Fleck. Einen Beinbruch sieht man auf einem Röntgenbild. Das hat bei einer psychischen Erkrankung aber mehr Dimensionen, und dann guckt man sich selbst vielleicht nicht so an. Man denkt nicht: Oh, ich bräuchte jetzt mal Hilfe von extern.

  1. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um das Thema „psychische Störungen“ besonders bei im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren?

Ich denke, einfach darüber reden – und zwar auf allen Ebenen, also unter Kollegen, mit Ehrenamtlern und Praktikanten, mit Leitungskräften und Geschäftsführern. Wenn Menschen, die noch in der Ausbildung sind, sehr früh merken, wie erfahrene Kollegen und Vorgesetzte über psychische Belastungen und psychische Störungen reden, kann das Vorbildfunktion haben. Vor allem für Menschen, die erstmalig im Job erkranken.

Ich glaube, wenn eine Leitungsebene oder eine Geschäftsführungsebene auch andeutet, dass eine psychische Erkrankung genauso gehandhabt wird wie eine somatische Erkrankung, dann ist das sehr, sehr viel wert.

Die Frage aus dem Forum: 

  1. Im Forum diskutieren wir immer wieder, ob eine psychische Erkrankung ein Feind, ein Schutz, ein Teil der Person, eine ‘Störung’ oder etwas ganz anderes ist. Erkennen Sie aufgrund Ihrer beruflichen Erfahrung eine Tendenz bei Patient*innen, wie diese ihre psychische Erkrankung sehen? (ggf. als Unterfrage: Wie sollte sie von den Patient*innen gesehen werden?)

Ich merke, dass viele meiner Klienten eine psychische Erkrankung als Herausforderung sehen. Und das ist dann von vornherein weder positiv noch negativ besetzt. Manchmal ist dann der Zeitpunkt gekommen, an dem die Menschen sich diesen Herausforderungen stellen, neue Strategien probieren oder sich parallel zu unserem Tagesstruktur-Angebot einen Therapieplatz suchen. Gleichzeitig gibt es aber auch Phasen, in denen das gerade nicht geht. Dann ist nicht genug Energie da, um etwas Neues auszuprobieren. Dann ist eine passive Haltung gerade das Richtige. Und neben der Herausforderung Erkrankung passiert so nebenbei zudem das Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Dann merke ich während meiner Arbeit, bei der ich Klienten teilweise seit fünf Jahren kenne, drei bis fünfmal die Woche sehe, was sie alles im Alltag leisten. Ich habe da großen Respekt vor. Ich finde, viele meiner Klienten sind richtige Lebenskünstler, die mit Humor und Durchhaltevermögen und mit Energie, sich der Herausforderung stellen, mit einer Erkrankung zu leben.

Mein persönlicher Wunsch wäre für Klienten, denn das war für mich selbst sehr passend, sich selbst nicht als Opfer zu sehen. Als Opfer sehe ich mich selbst nicht mehr in der Lage zu handeln. Die Herausforderung wird zur Überforderung und dann kommt ein Gefühl der Ohnmacht. Wenn ich mich ohnmächtig fühle, kann ich nichts tun. Das ist auch ein Schwerpunkt der Ergotherapie, in bedeutungsvolle Handlungen zu gehen. Ich bin auch meiner Genesungsbegleiter-Kollegin sehr dankbar dafür, das Thema Empowerment immer wieder miteinzubringen.

Die Fragen zur Expertise:  

  1. Sie arbeiten in einer Sozialpsychiatrie. Was sind Ihre Aufgaben und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite meistens in Gruppen. Der Sinn unserer Tagesstruktur ist es, einen zweiten Lebensort bzw. eine zweite Lebenswelt zu bieten neben dem Zuhause und dem Privatleben, und sich in der Gruppe wieder ein bisschen auszuprobieren. Tagesstruktur heißt ganz viel natürlicher Alltag wie kochen, gemeinsam essen, ein bisschen gärtnern, auch kreative Sachen, je nachdem, was der Klient möchte, oder vielleicht einfach Erledigungen wie Anrufe beim Arzt. Gleichzeitig bin ich auch Bezugsbetreuerin. Das heißt, ich habe eine gewisse Anzahl von Klienten, mit denen ich nicht nur den Alltag lebe, sondern persönlicher Ansprechpartner bin. Das sind recht viele Einzelgespräche, die ich in dieser Rolle führe – gerade in der Zeit der Corona-Krise.

  1. Wie nehmen Sie als jemand, die selbst Erfahrung als Patientin hat, Ihre Arbeit wahr?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass jeder Klient auf einer Insel ist. Darum herum sind Multiplikatoren, vielleicht ein Facharzt, vielleicht eine pädagogische Begleitung und wir als Tagesstruktur. Manche Klienten-Inseln sind sich näher und manche sind weiter voneinander entfernt. Deswegen habe ich den Eindruck, dass Austausch und Vernetzung wichtig sind, egal auf welcher Ebene: sei es ein offenes Café oder eine Selbsthilfegruppe, die ein wenig von der Profi-Insel herunterführen würde, aber genauso auch eine Fachtagung oder ein Trialog, Kongresse oder Fortbildungen.

Ich finde, es braucht Räume der Begegnung für alle: für Angehörige, Profis und für Klienten – und im besten Fall noch alle zu dritt. Ziel ist für mich, dass sich dieses Insel-Dasein ein wenig zu einem Kontinent zusammenfügt, auf dem man sich öfter mal besuchen und austauschen kann.

  1. Gibt es ein Stereotyp/ Vorurteil, das Ihnen immer wieder begegnet, wenn Sie von Ihrer Erkrankung erzählen?

Ich habe ganz großes Glück und deshalb nicht die Klassiker abgekriegt, wenn ich erzählt habe, dass ich erkrankt bin. Aber einen Satz gibt es: „Das hätte ich eigentlich von dir nie gedacht.“ Ich glaube, dass das im ersten Moment höflich und positiv gemeint ist. Ich denke, für den Gesprächspartner, ist es schwer, wie er zu reagieren hat. Ich glaube, die meisten Gesprächspartner wollen vorsichtig sein, aber sind vielleicht auch unbeholfen. Und wahrscheinlich würde es mir auch so gehen.

Aber dieser Satz – das hätte ich nie von dir gedacht – zeigt, wie heimtückisch jetzt zum Beispiel Depressionen sein können. Denn in dem Moment, in dem es mir am schlechtesten geht, scheine ich ja auszustrahlen, dass ich keine Hilfe brauche. Und das ist ja eigentlich genau das Gegenteil von dem, was ich möchte. Aber ich schaue nicht nach Depressionen aus. – Und das ist noch ein anderer Faktor: Wie sieht denn jemand aus, der nach Depressionen aussieht? – Aber das macht es umso wichtiger, dass Betroffene oder auch ich selbst mir Hilfe suchen kann, und dass es okay ist, Hilfe zu suchen. Sinnvoll finde ich es, sich früh dafür zu sensibilisieren. Also Belastungen eingestehen, Entlastung suchen und früh das Gespräch suchen. Gerade jetzt in Corona-Zeiten ist das Thema wieder aktuell für mich.

  1. Welche Erfahrungen und Begegnungen haben Sie bezüglich der eigenen psychischen Gesundheit im Arbeitsumfeld gemacht?

Ich habe ausnahmslos positive Erfahrungen im beruflichen Kontext gemacht. Dafür bin ich meinen Kollegen und meiner Chefin sehr dankbar. Ich kann offen zu meiner Chefin gehen und sagen: Ich brauche jetzt wirklich dringend ein paar Urlaubstage, können wir das irgendwie hinkriegen? Dabei kann ich ansprechen, dass eine Belastung aufgrund meiner psychischen Vulnerabilität für mich manchmal schwerer auszugleichen ist. Ich konnte auch regelmäßige Therapietermine mit meinen Arbeitszeiten vereinen. Und das ist sehr, sehr erleichternd, wenn man einfach die Wahrheit sagen kann. Man muss es natürlich nicht sagen. Also ich kann es auch verstehen, wenn man einfach zu seinem Chef geht und sagt: Ich habe einen Termin dienstags, ich möchte gerne immer pünktlich gehen. Es ist für mich einfach nur sehr erleichternd, dass ich mir nicht etwas ausdenken oder schweigen muss.

Ich glaube, für mich war das Schlimmste die Selbststigmatisierung. Und das ist ein riesiges Problem, weil es ein ganz fieses, erdrückendes Konstrukt ist, aus internalisierten Normen, vielleicht auch einer schweigenden Umgebung und ganz starken Selbstzweifeln, die ja auch zu vielen psychischen Erkrankungen als Symptome dazugehören.

  1. Wie sehen Sie aus einer sozialpsychiatrischen Perspektive Genesungsbegleitung?

Ich finde es absolut unverzichtbar. In den kleinen Teams vor Ort habe ich den Eindruck, dass das bei uns funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass Genesungsbegleiter und Profis sich während der praktischen Arbeit annähern. Es braucht aber auf allen Seiten ganz viel Geduld. Meine Kollegin, die Genesungsbegleiterin, hat sehr viel Geduld mit mir, weil ich einfach als Profi geschult bin und meistens auch so denke und handel. Die Zusammenarbeit von Profis und Erfahrungsexperten ist ein learning by doing. Erst durch die praktische Arbeit sieht man, welche Probleme es gibt und wie wir diese respektvoll und kreativ angehen können. Es gibt noch einige Fallstricke, so zum Thema Finanzierung und Etablierung, also wie kann man langfristig Stellen schaffen und wo kommt das Geld her, aber ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg.

DIE ZWÖLFTE – Abschlussfrage

  1. Welchen Rat möchten Sie Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten oder sich in einer entsprechenden Ausbildung befinden, hinsichtlich ihrer eigenen mentalen Gesundheit mit auf den Weg geben?

Dass Hilfesuchen normal ist; Im somatischen Bereich ist es selbstverständlich, andere Experten um Rat zu bitten. So sollte es auch im psychiatrischen Bereich sein.

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