5vor12 mit Mara Kaiser

Ein Interview von Eva Kuhn.

Vorstellung 

Name: Mara Kaiser 
Alter: Anfang 30 
Beruf/Berufung: Gesundheits- und Krankenpflegerin im Fachbereich Palliative Care, wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Pflegewissenschaftlichen Fakultät 
Aufgabenfeld im Gesundheitswesen: Pflegende in einem Hospiz, Lehrende und Forschende an einer Universität 

DIE FÜNF – Einstiegsfragen: 

  1. Mentale Gesundheit ist für mich … 

… abschalten zu können! 

Wenn mein Arbeitstag zu Ende geht und die freie Zeit beginnt, ist es für mich wichtig, die freie Zeit für mich und für und mit meiner Familie und Freunden nutzen zu können – ohne dabei gedanklich ständig bei der Arbeit zu sein. 

  1. Was tust du persönlich für deine eigene Psychohygiene, um Abstand von deinem Berufsalltag zu bekommen? 

Bewegung ist das, was mir besonders gut tut, um Abstand von meinem Berufsalltag zu bekommen und sowohl psychisch als auch körperlich gesund zu bleiben. Ins Hospiz fahre ich mit dem Fahrrad. Ebenso wieder nach Hause. Die Bewegung auf dem Rad ist für mich ‚Gold wert‘. Während des Tretens und Strampelns gelingt es mir meist, meine Gedanken zu ordnen und schließlich vorbei ziehen zu lassen, um dann möglichst entspannt in den Feierabend zu starten. Außerdem versuche ich ausreichend zu schlafen. Gerade durch die Schichtwechsel fällt mir das aber oft schwer. 

  1. Worin siehst du erste Warnsignale beginnender psychischer Probleme bei KollegInnen und was tust du persönlich, wenn du diese bemerkst?  

Wenn leichte Gereiztheit bei Ungereimtheiten und Konflikte im Tagesablauf entstehen, deutet dies, so meine Beobachtungen, häufig auf Überforderung durch Erschöpfung hin. Auch Rastlosigkeit gehört nach meiner Erfahrung zu eindeutigen Warnsignalen. Wenn die Zeit zum Durchatmen und durchdachtem, überlegten Handeln verloren geht und in einen blinden Aktionismus übergeht, dann deutet das sehr darauf hin, dass Pflegende zu wenig Ruhepausen haben und Zeit zur Regeneration fehlt.  

Ich persönlich suche gerne das Gespräch mit meinen KollegInnen und frage, wie es ihnen geht. Manchmal hilft es, den ganzen Frust und die Anspannung loszulassen. Gleichzeitig erscheint es mir auch wichtig, das Augenmerk in den Gesprächen auf geplante Auszeiten oder den Feierabend zu richten. Es ist sehr wichtig, sich ins Bewusstsein zu rufen, was uns persönlich gut tut und wodurch wir entspannen und abschalten können.  

Zudem ist es insgesamt hilfreich immer mal wieder kleine Pausen zu machen, Gespräche zu führen, ausreichend zu trinken, sich einfach mal in den Arm zu nehmen. Im Team zu arbeiten, birgt viele Ressourcen. Unter anderem jene, ein offenes Ohr für einander zu haben. 

  1. Was macht es deiner Erfahrung nach gerade für Behandelnde so schwer, selbst Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen?   

Gedanklich sind wir insbesondere im Dienst bei unserem Gegenüber. Diese fürsorgliche zugewandte Haltung legen wir als Pflegende in unserem Alltag allerdings nicht so einfach ab. Die ständige Zuwendung in unserem Berufsalltag lässt uns manchmal vergessen, auch in uns selbst hinein zu spüren und uns zu fragen wie es uns gerade geht und was wir brauchen, damit es uns weiterhin gut gehen kann.  

  1. Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, um das Thema psychische Störungen besonders bei im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu enttabuisieren und entstigmatisieren?  

Eine mögliche Intervention könnte sein, Supervisionen flächendeckend im Gesundheitswesen anzubieten und zwar nicht nur Gruppensupervisionen, sondern auch Einzelsupervisionen. Insgesamt muss der Blick im deutschen Gesundheitswesen viel deutlicher auf die Pflegenden, auf die Helfenden gerichtet werden und nicht ausschließlich auf die zu Versorgenden.  

An erster Stelle die eigene Gesundheit, die des Personals, zu sehen, und dann die Gesundheit der anderen, der Kranken, ist die Denkrichtung, in die es dringend gehen muss, um Pflegende nachhaltig im Gesundheitswesen behalten zu können. Ich hebe das deutsche Gesundheitswesen nicht nur deshalb hervor, weil wir im deutschen Gesundheitswesen tätig sind und es zwangsläufig in erster Linie um die gegenwärtigen örtlichen Gegebenheiten geht, sondern auch, weil ich einige Zeit in Dänemark gearbeitet habe und erleben durfte, mit welchem beruflichen Selbstverständnis die Pflegenden dort tätig sind. Die Selbstpflege und der Eigenschutz sind dort erste Priorität. Aufopferungsvolle und selbstlose Pflege wird dort als unprofessionelle Pflege abgestempelt!  


Die Frage aus dem Forum: 

  1. Im Blaupause Forum kommt immer wieder die Frage auf, wie man gerade in Zeiten, in denen man Nachtschicht hat, gut für sich selbst sorgen kann. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem Hospiz und mit viel Nachtdienst Erfahrung: was sind deine Tipps und Tricks?  

Das ist keine einfache Frage. Ich beobachte, dass gerade die Nachtdienste besonders kräftezehrend sind. Mir fällt es dann besonders schwer, meine freie Zeit gut zu gestalten. Neben dem sozialen Leben, an welchem es schwer wird teilzunehmen, sind es manchmal sogar die grundlegendsten Bedürfnisse, die ich nicht schaffe, ausreichend zu stillen (wie etwa in gesundem Maß zu essen und zu trinken). Ich lege deshalb mittlerweile besonderen Wert auf eine warme Mahlzeit noch vor dem Dienstbeginn. So kommt der Rhythmus nicht total durcheinander und der Körper kann nachts trotzdem etwas ‚runterfahren‘.  

Oft zu kurz kommt durch den verschobenen Tag-Nachtrhythmus auch das Schlafen. Es ist, so meine Erfahrung, deshalb besonders wichtig viel zu ruhen, auch wenn der tiefe Schlaf oft ausbleibt.  

Eine meiner Kolleginnen weist immer wieder darauf hin, dass der Nachtdienst nicht als Nachtarbeit sondern als Nachtwache zu verstehen ist. Und zwar nicht, um zu rechtfertigen nachts weniger arbeiten zu müssen, sondern um die eigenen Ressourcen zu schonen und gut mit der eigenen Kraft zu haushalten.    

Die Fragen zur Expertise:  

  1. Du arbeitest in der Wissenschaft und in einem Hospiz. Stehen diese beiden Bereiche, Theorie und Praxis, eher in Harmonie oder Anspannung zu einander?  

Sowohl als auch. Einerseits sind die Praxiserfahrungen nach wie vor sehr befruchtend für das wissenschaftliche Arbeiten im Ganzen. D.h. sowohl Praxisbeispiele mit in die Lehre zu bringen, als auch Forschungsprojekte an praxisbezogenen Fragen und Problemen auszurichten, erscheinen mir unabdingbar, um dem Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis gerecht werden zu können. 

Andererseits ist die Schichtarbeit im Hospiz aus ganz praktischen Gründen mit den Büroarbeitszeiten an der Universität nicht ganz einfach zu vereinbaren. Das heißt, es braucht einerseits eine gute Abstimmung von beiden Seiten und zudem die Bereitschaft, nur in Teilzeit zu arbeiten. Denn mit einer 100%-Stelle auf dem Papier, ist die zweigleisige Beschäftigung aus meiner Sicht nicht zu bewerkstelligen. Es fehlen immer noch konkrete Arbeitsstellen, in denen die Inklusion von wissenschaftlicher Arbeit im Setting der Praxis möglich ist. Das bedauere ich sehr. Trotz aller Widrigkeiten, empfinde ich es als große Bereicherung sowohl wissenschaftlich als auch praktisch arbeiten zu können.  

  1. Als Wissenschaftlerin hast du unter anderem Gesundheits- und KrankenpflegerInnen interviewt. Wie wurde in diesen Interviews auf mentale Gesundheit, auf Emotionen und zwischenmenschliche Beziehungen geblickt?  

In den Interviews mit meinen Teilnehmerinnen, den Pflegenden, wurde immer wieder deutlich, dass reflexive Räume – in denen Austausch möglich ist, in denen Gespräche unter Kolleginnen und Kollegen möglich sind, sowohl innerhalb der Disziplin als auch interdisziplinär – vermisst werden. Fallbesprechungen und Konfliktlösungsstrategien sind viel zu oft noch kein etablierter Bestandteil des Pflegealltags. Zudem berichten die Pflegenden, dass sie sich oft alleingelassen fühlen mit ihren Gedanken und Gefühlen. Während die Menschen im privaten Umfeld oft nicht richtig nachvollziehen können, was wir in unserem beruflichen Alltag erleben, sind die Gesprächsräume mit KollegInnen oft rar, obwohl diese eigentlich als besonders entlastend empfunden werden. Gerade erst innerhalb der Gruppeninterviews wurde den Pflegenden bewusst, wie komplex die Interaktionsräume sind, in denen sie agieren. Es braucht dringend fest verankerte Reflexionsräume in unterschiedlichen Formaten und Kontexten, um den Austausch unter den AkteurInnen in der Praxis nicht nur zu fördern, sondern auch zu gewährleisten.  

In jedem Unternehmen, in dem im Team, auf unterschiedlichen Ebenen, mit mehreren Menschen gearbeitet wird, gibt es Kommunikationsstrukturen, Meetings, Feedbackgespräche, usw. In der Pflege ist das einzig etablierte und beständige Kommunikationsinstrument die Schichtübergabe. Das ist keineswegs ausreichend, um der Dynamik des Praxisalltags gerecht werden zu können. Die vielen Interaktionen zwischen den agierenden Menschen, brauchen im Hintergrund eine gute und kontinuierliche Abstimmung. Nur dann können sie in einem gemeinschaftlichen Sinne umgesetzt werden und professionell gelingen. Das ist doch eigentlich sehr naheliegend. Oder? 

  1. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem Hospiz bist du vielen Situationen ausgesetzt, die belastend sein können: Sterben, existenzielles Leid, Trauer oder Wut. Kannst du von solchen Schicksalen Abstand gewinnen? Wenn ja wie? Wenn nein, würdest du dir dabei Unterstützung wünschen? Welche?  

Diese Frage kann ich nicht eindeutig beantworten. Jede Patientin und jeder Patient der bei uns im Hospiz lebt und verstirbt hat seine eigene Geschichte. Ebenso jede und jeder einzelne von uns Pflegenden. Es gibt immer wieder Fälle, die mir besonders nahe gehen. Oft dann, wenn ich die Sterbenden oder die Familien besonders sympathisch finde, oder sie in einem ähnlichen Alter sind. Hilfreich ist für mich auch hier der Austausch mit den KollegInnen. Nicht jede und jeder kann mit jedem und jeder. Es ist gut, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und wir uns diese Ressourcen der Teamarbeit zu Nutze machen. Das heißt: Manchmal hilft es mir, einen Patienten oder eine Patientin an einen Kollegen oder eine Kollegin abzugeben. Insgesamt würde ich aber sagen, es geht manchmal gar nicht unbedingt darum, Abstand zu gewinnen. Manchmal tut es sogar gut, ganz nah zu sein und Traurigkeit zuzulassen. Nähe und Distanz als ständigen Aushandlungsprozess zu verstehen, ist Bestandteil professioneller Beziehungsgestaltung. Die Nähe und Bezogenheit, die wir in manchen Pflegebeziehungen eher spüren als in anderen, ist zutiefst menschlich. Die aufkommenden Emotionen zu reflektieren, auszusprechen und einzuordnen – das ist unbedingter Bestandteil professioneller Pflege. Unterstützend könnten auch hier Supervisionen wirken, um Gespräch- und Reflexionskultur zu stärken. Aktuell sind wir Pflegende sehr auf uns gestellt und müssen wortwörtlich ‚irgendwie fertigwerden‘ – mit unseren Emotionen, Erlebnissen und Konflikten. 

  1. Welchen Einfluss haben Angehörige auf die Pflege der Hospiz Gäste und auf das Wohlbefinden der Gesundheits- und Krankenpfleger*innen?   

Meines Erachtens nach haben Angehörige einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden von uns Pflegenden. Gerade dann, wenn der Austausch zwischen Pflegenden und Angehörigen kooperativ und verständnisvoll ist, kann die Fürsorge der Sterbenden besonders gut gelingen. Treten die Angehörigen mit Dankbarkeit und Wertschätzung uns Pflegenden gegenüber, unterstützt und motiviert uns das sehr. Die Anerkennung der Angehörigen aber auch der KollegInnen oder der Leitung, spielt eine besondere Rolle in der Arbeitszufriedenheit. Aushandlungsprozessen sind wir ohnehin ständig ausgesetzt. Lang andauernde ungelöste Konflikte beispielsweise mit den Angehörigen, können aber unglaublich Energie raubend sein. Deshalb sollten Konflikte immer ernstgenommen und priorisiert werden. Extrem unterstützend wäre aus meiner Sicht die Ausbildung ethischer Kompetenzen für alle Pflegenden. Kleine und große ethische Dilemmata sind im Alltag des Gesundheitswesens ständig gegenwärtig. Umso alarmierender erscheint es mir, dass es nur vereinzelt Bestrebungen gibt, Pflegende und andere Berufsgruppen in diesem Bereich weiterzubilden.   

  1. Basierend auf den Interviews und deinen eigenen Erfahrungen: was müsste sich für Gesundheitsberufler*innen (die in Hospizen oder auf Palliativstationen tätig sind) verbessern?  

Neben den bereits angesprochenen Gesprächs- und Reflektionsräumen – ethischen Fallbesprechung und Supervisionen, die vermehrt in den Dienstalltag eingebaut werden sollten, schätze ich den Austausch und Kontakt zur Leitung oder zur Leitungsebene als besonders relevant für die psychische Gesundheit ein. In regelmäßigen MitarbeiterInnengesprächen sollte ausgehandelt werden, auf welche Art und Weise individuelle Bedürfnisse gedeckt werden können. Aus meiner Perspektive ist die Gestaltung des Dienstplans ein nicht zu unterschätzender Aspekt, der zur Gesundheit der Pflegenden beitragen kann. Neben einer begrenzten Anzahl an Nachtdiensten, wäre es meines Erachtens nach erstrebenswert, Wochenenddienste auf ein Minimum zu reduzieren. Während die Dienstplangestaltung auf der einen Seite eine große Herausforderung ist, birgt sie auf der anderen Seite auch ein hohes Maß an Gestaltungsspielraum. Die Wünsche und Bedürfnisse der Pflegenden müssen unbedingt berücksichtigt und in engem Austausch mit der Leitung ausgehandelt werden.  

DIE ZWÖLFTE – Abschlussfrage 

  1. Welchen Rat möchtest du Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten oder sich in einer entsprechenden Ausbildung befinden, hinsichtlich ihrer eigenen mentalen Gesundheit mit auf den Weg geben?  

Gerne möchte ich uns, die im Gesundheitswesen arbeiten, und denen, die diese Zeilen lesen, den Gedanken der Selbstpflege mit auf den Weg geben. Unsere eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen, gehört zur verantwortungsvollen und nachhaltigen Ausübung der pflegerischen Profession unweigerlich dazu.  

Nur wenn wir gut für uns selbst sorgen, können wir die Fürsorge leisten, die die Sterbenden und Kranken brauchen! 

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